Mittwoch, 31. Oktober 2012

Michael Martin: 30 Jahre Abenteuer | Die Wüsten der Erde

Teil I - 30 Jahre Abenteuer

Angefangen hat alles mit einem Hobby: Die Astronomie ist die große Leidenschaft des jungen Michael Martin und sie zieht ihn zu ersten Ausflügen in die Welt. In die Welt der Alpen. Aufgewachsen in Gersthofen, nördlich von Augsburg, baut er sich im Alter von 15 Jahren selbst ein Spiegelteleskop (er schleift sich dafür sogar den Spiegel selbst - dieser zerbricht aber leider kurz vor Fertigstellung --> die Eltern schenken ihm an Weihnachten ein neues Teleskop) und will damit die Sterne beobachten. Gemeinsam mit seinem Freund Achim Mende geht es per Fahrrad etliche Male in die 120 km entfernten Alpen, wo sie an Wochenenden auf den Bergen beim Fotografieren von Sternen, Galaxien und Nebeln die Zeit um sich herum vergessen.

Aus der Begeisterung über die Ergebnisse dieser ersten kleinen Expeditionen erwächst der Wunsch, die Freude zu teilen und die aufgenommenen Bilder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erste Diavorträge entstehen, die Zuschauerzahl hält sich allerdings mit 5 bis 10 noch in engen Grenzen. Das sollte sich aber bald ändern:


1981 - Mit dem Mofa nach Marokko
1982 - Mit dem Opel Kadett in die Sahara
1982 - Im VW-Bus durch Afrika
1983 - 1987 Mit 16 Peugeots nach Westafrika
1987 - Vom Nil zum Niger
1989 - Ténéré

1991 - Transafrika
1994 - Zu den Quellen des Nils
1997 - Durch die Wüsten Afrikas
2004 - 2009 Tourneejahre
2009 - Island - Aufbruch ins Eis


In den 1980er-Jahren muss Afrika das Sehnsuchtsland der damaligen Westdeutschen gewesen sein. Jedenfalls fanden die Berichte über ihre Individualreisen, die Bilder, die vielen Tricks, Tipps und Kniffe eine immer breitere Anhängerschaft, sodass es Martin und seinen Freunden möglich wurde, immer größere Projekte in Angriff zu nehmen. Berichte in der Lokalpresse und Vortragstourneen quer durch Deutschland machten ihn obendrein immer bekannter und führten zu so folgenreichen Bekanntschaften wie jene mit dem Pressechef von Leica. Über ihn bekam er (leihweise) seine erste professionelle Kameraausrüstung - eine Leica R 7 mit zwei Festbrennweiten - und konzentrierte sich fortan auf die Erstellung hochwertiger Landschaftsaufnahmen und Porträts. Seine erste Reise mit der neuen Kamera und dem frisch auf den Markt gekommenen Film Fuji Velvia RVP 50 führte ihn nach Ägypten. Er schreibt in seiner Beilage zum Vortrag:

"Von dieser Reise brachte ich Bilder nach Hause, die mich glücklich machten. Sie zeigten Menschen in Alltagssituationen in großer Eindrücklichkeit. Was hatte sich verändert? Sicherlich spielten die neue Fotoausrüstung und der neue Film eine Rolle, bestimmt auch der Motivreichtum Ägyptens. Entscheidend aber war, dass es mir zum ersten Mal gelang, Menschen zu fotografieren. Ich hatte begriffen, dass ich mit den Leuten ins Gespräch kommen, dass ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen musste, bevor ich die Kamera hervorholen konnte."

2006 dann ein Anruf im Urlaub: Einbruch ins Haus, Diebstahl der gesamten Kamera- und Filmausrüstung im Wert von über 50.000 Euro. Damit war Martin die Entscheidung abgenommen, ob und wann er denn nun auf digital umsteigen würde. Seitdem begleitet ihn die Kameramarke mit dem schwarz-gelben Logo.

Der Vortrag ist kurzweilig und mit lustigen Anekdoten gewürzt, zeigt den Referenten privat und authentisch. Über die Schilderungen der oft hanebüchenen Touren durch Afrika mit schrottreifen Autos, einer nur knapp überlebten Blinddarmentzündung 1985 in Mali und der bedingungslosen Leidenschaft eines Reisefotografen wird man noch lange nachdenken.

[Eine Fotostrecke auf Spiegel Online mit Aufnahmen, die auch im Vortrag zu sehen sind.]

Teil II - Die Wüsten der Erde

5 Jahre lang mit der Freundin auf dem Motorrad um die Welt fahren würde mich auch reizen - keine Frage. Michael Martin hat es getan und brach eines kalten Winters gemeinsam mit Elke Wallner und einer vollgepackten BMW auf in Richtung Süden. Die arabische Halbinsel war ihr erstes Ziel und zugleich erster Prüfstein für ihr Improvisationstalent. Sie erhielten in Dubai eine Einladung ins Burj al Arab (das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt), fuhren durch Asien und durchquerten Australien. Mehrere Etappen über insgesamt 100.000 km, durch 50 Länder und 6 Kontinente, durch 40 Wüsten und über ungezählte Staubpisten führten die beiden rund um den Globus.



Michael Martin


















[Hoteldirektor im Burj al Arab ist Heinrich Morio, ein Deutscher aus Frankfurt. Überhaupt sind viele Führungspositionen in diesem Haus mit Deutschen besetzt (u.a. auch die des Küchenchefs). 1600 Menschen arbeiten dort, darunter 60 Deutsche. Es gibt ein Unterwasserrestaurant, einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach und dazwischen Platz für etwa 3000 Gäste. Die Präsidentensuite umfasst übrigens 16 Zimmer auf 800 m² (Hauptbadezimmer: 100 m²) und befindet sich in der 25. Etage. Eine Nacht kostet dort soviel wie eine Weltreise durch die Wüsten der Erde; da fiele mir die Entscheidung sehr leicht.]
Vor dem Burj al Arab
Die gezeigten Bilder gleichen einem Parforceritt und werden von einem professionellen Live-Kommentar ebenso wie von Musik untermalt. Man spürt, dass der Referent Geograph ist, denn er stellt Vergleiche zwischen den Wüsten dieser Erde an, bezieht das Wirken des Menschen im Naturraum mit ein und vermittelt so gekonnt ein tieferes Verständnis für die Prozesse und Gesetzmäßigkeiten hinter den grandiosen Aufnahmen.


Benzinschnüffelnde junge Aborigines.


Schleife des Colorado River im Glen Canyon Nationalpark, Arizona.

Mesa Arch im Canyonlands Nationalpark, Utah.

Leben in der Großstadt...

Leben als Nomade.


Allein, es ist in der kurzen Zeit nicht zu schaffen. Zwei Stunden sind schlicht und einfach viel zu wenig für diese Fülle an Material, für diese Menge an Erzählungen. Gerne möchte man noch etwas bei den Falken auf der Arabischen Halbinsel verweilen, gerne noch ein wenig mehr über die Probleme der Aborigines in ihren Reservaten erfahren, gerne noch in den Wüstenlandschaften Nordamerikas schwelgen.

Ja, gern möchte man noch Filmaufnahmen sehen, die Elke Wallner unterwegs gedreht hat. Doch man ist schon beim Höhepunkt der langen Reise angelangt: Bei der Ost-West-Durchquerung der Sahara. Man staunt über den Farb- und Formenreichtum der unendlichen Sandflächen, lernt, dass Wüsten nicht ausschließlich aus Sand, sondern auch aus Gestein oder Lehm bestehen können, und kommt schließlich wieder im winterkalten München mit einem in Afrika genähten Vorderreifen an. Die Polizei stoppt die beiden, bemängelt den seit 2 Jahren abgelaufenen TÜV und verstummt beim Anblick des Vorderreifens. Michael Martin wusste sofort, "er war wieder daheim."

Ausblick: Nach seinem letzten Projekt "Die Wüsten der Erde" hat Michael Martin bereits ein neues ins Auge gefasst. Von 2009 bis 2013 ist er jetzt unterwegs in den Eiswüsten der Erde, um diese anschließend mit den Trockenwüsten zu vergleichen. Dabei führen ihn Reisen nach Alaska, Kanada und Grönland sowie zum Nordpol und in die Antarktis. Geplant ist, im Herbst 2014 einen neuen Vortrag mit dem derzeitigen Arbeitstitel "Planet Wüste", ein neues Buch und einen neuen Film präsentieren zu können.

Website: www.michael-martin.de
Blog auf Spiegel Online: www.spiegel.de/thema/michael_martin/
Interview mit Michael Martin in der ColorFoto (PDF)
"Man mus typische Urlaubsaktivitäten wie Ausschlafen oder Sonnenbaden zurückstellen, um mit der Kamera jederzeit präsent zu sein. Wer pünktlich um 18 Uhr mit der Familie schön zu Abend essen will, obwohl sich da gerade das schönste Licht zeigt, hat schlechte Karten."
(Michael Martin im Interview mit ColorFoto)
Exkurs: Wüsten - Begriffsklärung, Verbreitung, Wüstentypen, Vegetation, Tierwelt, Probleme

Als "Wüste" bezeichnet man im weiteren Sinn jedes vegetationslose oder sehr vegetationsarme (Bodenbedeckung unter 50 %) Gebiet der Erde. Klimatisch betrachtet handelt es sich um Räume, in denen Wasser fehlt oder nur in sehr geringen Mengen zur Verfügung steht. Ein wichtiges Charakteristikum ist die hohe Variabilität der Niederschläge in diesen Regionen. Sie liegt in Wüstengebieten üblicherweise bei einer Abweichung von über 30 % gegenüber dem jeweiligen Jahresmittel - in der zentralen Sahara kann die Variabilität weit über 100 % liegen.

1979 wurde für die UNESCO eine kartographische Dokumentation fertiggestellt, die als Grundlage für die Arbeit von Meßstationen auf der ganzen Welt dient. Ausgehend von dem Verhältnis aus Jahresniederschlag und Evapotranspiration (= Ariditätsindex, AI) definierte man 4 Klassen zur Unterscheidung von Trockengebieten: Hyperarid, arid, semiarid und subhumid. Ferner fanden die Wintertemperaturen (warm, gemäßigt, kühl, kalt) und die Länge der Trockenperioden Eingang in die Klassifikation der unterschiedlichen Wüstentypen.

Bei einem ariden Klima übersteigt die potentielle Verdunstung den Niederschlag einer Region. Das Gegenteil wäre ein humides Klima - dort ist der Niederschlag größer oder mindestens genauso groß wie die Verdunstungsraten.

hyperarid: < 70 mm Jahresniederschlag
arid: 70 - 130 mm Jahresniederschlag
semiarid: 130 - 300 mm Jahresniederschlag
subhumid: 300 - 500 mm Jahresniederschlag

Wo gibt es die meisten Wüsten?

Betrachtet man die Karte mit den Wüstengebieten dieser Erde, fällt auf, dass sie besonders häufig in den Gebieten der Wendekreise beiderseits des Äquators anzutreffen sind. Warum ist das so? Nun, die Antwort heißt Hadley-Zelle. Die meiste Einstrahlung erfährt im Jahreslauf die Region entlang des Äquators. Die erwärmten Luftmassen steigen auf und strömen in der Höhe zu den Polen. Diese können sie aber nicht erreichen, weil ihnen schnell die dazu nötige Energie ausgeht - die Luftmassen kühlen ab und sinken ab: im Bereich der Wendekreise (30° n./s. Br.).

Jetzt haben wir folgende Konstellation:
Aufsteigende Luftmassen am Äquator = tiefer Luftdruck am Boden
Absinkende Luftmassen an den Wendekreisen = hoher Luftdruck am Boden

Daraus folgt? Richtig: Trockene Luftmassen, die zurück zum Äquator (zum tiefen Luftdruck) strömen. Das tun sie aber nicht auf direktem Wege, denn sie werden gestört. Störfaktor ist der Coriolis-Effekt, der als Folge der Erdrotation alle in Richtung der Pole strömenden Luftmassen ostwärts ablenkt. So wehen die Passate auf der Nordhalbkugel aus NO und auf der Südhalbkugel aus SO, um die Hadley-Zelle wieder aufzufüllen und in der ITC - der innertropischen Konvergenzzone - aufeinanderzutreffen. Dieses System ist sehr stabil und lässt nur sehr selten potentiell niederschlagsbringende Störungen aus der ITC oder der Westwindzone eindringen.

Die durch das großflächige Absinken der Luftmassen entstehenden subtropischen Hochdruckgebiete sind die Hauptregionen der Aridität. Verstärkt werden kann ihr Effekt noch durch lokale Faktoren wie: eine hohe Kontinentalität (Zentralasien); Regenschatteneffekt großer Gebirge (Patagonien); kalte, küstennahe Meeresströmungen (Namib, Atacama).

Schema der Passatzirkulation | Quelle: http://www.klima-der-erde.de/zirk_passat.html

Stellt man den Niederschlagsmangel in den Vordergrund, dann gibt es auf der Erde nur Trockenwüsten, denn die sog. Eiswüsten werden bei dieser Herangehensweise den Polarzonen zugerechnet, da hier der lebenslimitierende Faktor in erster Linie die Temperatur, nicht der Wassermangel ist. Etwa ein Drittel der festen Erdoberfläche besteht übrigens aus Wüsten oder wüstenähnlichen Gebieten.

Quelle: Larousse Naturenzyklopädie, S. 159.
Die verschieden starke Ausprägung der die ariden Zonen klassifizierenden Parameter hat zur Folge, dass man von Kernwüsten, Randwüsten und Halbwüsten spricht.

Das Wüstenklima, besonders die extremen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, bewirken eine starke physikalische Verwitterung: Es kommt zu Verwitterungsprozessen wie bspw.  Abschuppung (Desquamation), zu Kernsprüngen des Gesteins und zu Windschliff (Korrasion). Die chemische Verwitterung in den Wüsten ist auf minimale Feuchtigkeitsspuren zurückzuführen (etwa Kondenswasser), die in das Gestein eindringen und dort lösliche Bestandteile aufnehmen. Infolge der Insolation gelangt der größte Teil dieser Verwitterungslösungen wieder an die Gesteinsoberfläche, wo sie sofort verdunsten und sich die gelösten Stoffe als Kruste (Krustenbildung, Wüstenlack) wieder absetzen.

Die starken Temperaturwechsel haben außerdem zur Folge, dass die Luft tagsüber in kräftige Zirkulation gerät und sich so leicht Staub- oder Sandstürme entwickeln können. Die Ausblasung des Sandes (Deflation) führt zur Bildung von großen Becken und "Pfannen", zwischen denen Rippen aus härterem Gestein stehen bleiben, oder es kommt nach Auswehung des Sandes zur Bildung von Steinpflaster. Der Windschliff hinterlässt Formen, die in der Geomorphologie u.a. als Felslöcher, Felskehlen, Pilzfelsen und Windkanter bezeichnet werden.

Nach der geografischen Lage unterscheidet man tropische Wüsten und außertropische Wüsten.
Die tropischen Wüsten oder Passatwüsten befinden sich im Bereich der Wendekreise, wo ganzjährig die Hochdruckzellen der Rossbreiten mit den trockenen Passatwinden vorherrschen (siehe oben). Dazu gehören die Wüstenzonen Nordafrikas und Arabiens, die Wüsten im Südwesten der USA und in Nordmexiko sowie die Wüsten Zentralaustraliens.

Eine Besonderheit sind die Küstenwüsten. In Südamerika (Atacama, peruanische Küstenwüste) wie im südlichen Afrika (Namib) wehen die Passate ablandig (Südostpassat) und sind deshalb trocken. Dazu kommen vor den Westküsten kalte Auftriebswasser oder polare Meeresströmungen (Humboldtstrom, Benguelastrom), die auflandige Winde abkühlen. Diese Luftmassen sind folglich stabil geschichtet und besitzen eine relativ geringe Feuchtekapazität. Ergo stabilisieren sie das ohnehin schon stabile Wettergefüge der wüstentypischen Hochdruckgebiete noch zusätzlich. Trotzdem bieten diese kalten Küstenströmungen auch einige Vorteile. So fallen die Jahres- und Tagesschwankungen der Temperatur wesentlich geringer aus als in Binnenwüsten und auch die mittleren Jahrestemperaturen sind gemäßigt (Atacama: 19 °C, Namib: 17 °C, Sahara zum Vergleich: >24 °C )

Beispiele für Jahresniederschläge in Küstenwüsten:

Swakopmund, Namibia: 15 mm
Callao, Peru: 30 mm
Port Etienne, Mauretanien: 35 mm

Leben ist trotzdem in einem schmalen Küstenstreifen, u.a. in Höhen zwischen 400 und 800 m NN der Küstengebirge, möglich, wie das Beispiel Südamerika zeigt:
In der "Küstenloma" basiert ein komplettes Ökosystem auf den feuchten, kalten Luftmassen des Humboldtstroms, den Garua.

Die "Garua" in Südamerika | Quelle: http://www.lateinamerika-studien.at/content/natur/natur/natur-1313.html

An den Küstensäumen Namibias fallen durchschnittliche Jahres(nebel)niederschläge von 35 bis 45 mm, denn an circa 200 Tagen ist es neblig. Diese Nebelzone kann sich über 100 km ins Landesinnere erstrecken.

[An den Ostküsten der Kontinente fehlen Wüsten - mit einer Ausnahme: Die Wüstensteppe Ostpatagoniens.]

[Das Niederschlagsjahresmittel in Deutschland beträgt im Norden etwa 700 mm, in Regenschattengebieten wie dem Oberrheinischen Tiefland oder der Goldenen Aue etwa 500 mm und im Gebirge bis zu 2000 mm.]

Wie oben bereits erwähnt, verdanken die außertropischen Wüsten oder Kontinentalwüsten ihr Klima der Meeresferne und ihrer besonderen Orographie. Beispiele findet man im Vorderen Orient oder in Mittel- und Zentralasien von Tibet bis zur Gobi. Eine außertropische Lage geht immer mit einem Wechsel der Jahreszeiten einher. Das bedeutet für diese Wüsten regelmäßige Frostperioden im Winterhalbjahr und vereinzelte Niederschläge im Sommerhalbjahr. Apropos: Keine Wüste der Erde ist völlig niederschlagslos. Die Niederschläge fallen allerdings je nach Wüstenlage und -typ selten, unregelmäßig und wenn, dann nicht selten wolkenbruchartig.

Geomorphologische Unterscheidungsmerkmale:

- Sandwüsten (Bsp.: Erg, Rub al- Chali)
- Kies- oder Geröllwüsten (Serir, Reg)
- Felswüsten (Hammada)
- Mergel- oder Staubwüsten (Libysche Wüste, Atacama)
- Lehmwüsten (Takyr)

Die Wirkung der Verwitterung: Felswüste wird zu Kieswüste wird zu Sandwüste.

Flora in den Wüsten

Gemeinsam ist allen Wüsten die geringe Dichte der Pflanzendecke, denn je trockener ein Gebiet ist, desto mehr Bodenraum braucht die einzelne Pflanze für die Wasseraufnahme. Die Wasseraufnahme hängt aber nur indirekt von der Niederschlagsmenge ab, denn ausschlaggebend ist einzig die zur Verfügung stehende Haftwassermenge im Boden. Jeder Geographiestudent muss/darf sich in seinem Grundstudium mit dem Bodenwasserhaushalt beschäftigen und lernt dabei neben allgemeinen bodenkundlichen Grundlagen auch das Kapillarkonzept, das Potentialkonzept, Methoden zur Berechnung des Bodenwassertransportes und Spezifika der Transportvorgänge gelöster Stoffe im Boden kennen.

Lockere Böden (Sand, besonders aber Kies) sind unter ariden Bedingungen meist günstiger und vegetationsreicher als dichte Böden (Lehm, Ton), weil sie das Regenwasser schneller eindringen lassen und vor Verdunstung und Abfluss bewahren. Damit Wüstenpflanzen die unregelmäßige Verfügbarkeit von Wasser überleben können, haben sie verschiedene Mechanismen entwickelt - zwei Beispiele:

Bildquelle
- Ephemere (einjährige) Pflanzen überstehen Dürrezeiten als Samen, die erst keimen, wenn die Niederschlagsmenge einen bestimmten Wert überschritten hat. Dann aber treiben sie innerhalb weniger Tage aus und überziehen die Wüsten mit einem Meer aus Farben.

- Perennierende (mehrjährige) Pflanzen weisen spezielle morphologische Anpassungen auf. Xerophyten, Sukkulenten und Salzpflanzen ist gemein, dass sie ihre Transpirationsflächen verkleinert, zusätzliche Strategien zum Verdunstungsschutz (z.B. Wachsschicht, Haare) entwickelt, Wasser speichernde Gewebe in Blättern, Zweigen oder Stämmen gebildet und ein besonders spezialisiertes Wurzelsystems angelegt haben.

Fauna in den Wüsten

Tiere in solchen Extremlebensräumen sind wahre Überlebenskünstler. Viele dieser Vertreter kommen erst in den kühlen Abend- oder Nachtstunden aus ihren meist unterirdischen Verstecken und suchen dann nach Nahrung. Dem Problem des Wassermangels begegnen sie dabei auf unterschiedliche Weise. Schnecken und Insekten wie dieser Wüstenkäfer haben die Möglichkeit, die Luftfeuchtigkeit an ihrem Körper kondensieren zu lassen und sind sozusagen ihr eigener Brunnen:



Andere Tiere entnehmen das benötigte Wasser vollständig der Nahrung und kommen wie beispielsweise die Wüstenspringmaus, die Taschenspringmaus oder die Mendesantilope ganz ohne zusätzliches Wasser aus. Viele weitere Anpassungen betreffen die Fortbewegung, die Optimierung des Energiehaushaltes, die Tarnung und die Thermoregulation.

Ein paar Beispiele:
- Trockenschlaf bei Nagetieren und Amphibien
- vergrößerte Hufe bei Antilopen und Kamelen
- seitliche Fortbewegung mit minimalem Bodenkontakt bei Schlangen
- vergrößerte Körperanhänge (Fennek --> Allensche Regel)

Desertifikation am Beispiel der Sahelzone

Desertifikation ist Landverödung in ariden, semiariden und (trocken-)subhumiden Gebieten. Sie beruht auf verschiedenen Faktoren, die klimatischen und anthropogenen Einflüssen unterliegen. Man schätzt, dass etwa eine Mrd. Menschen direkt von ihr bedroht und 70 % aller Trockengebiete (36 Mio. km²) zumindest teilweise verödet (degradiert) sind; bis zu 20 % der Trockengebiete sind durch Desertifikation bereits stark geschädigt, weltweit nimmt die so geschädigte Fläche um jährlich 20 Mio. ha zu. Allein in den letzten 40 Jahren mussten aus diesem Grund 30 % der weltweiten Ackerflächen aufgegeben werden.

Im Gegensatz zur Dürre, die überschaubare Zeitspannen umfasst, ist die Degradation von Böden ein langfristiges Problem, denn sie kann im Extremfall zum völligen Verlust eines Ökosystems mit all seinen Funktionen führen.

Man unterscheidet wie bei der Aridität 4 Klassen:

1. leicht
2. mäßig
3. schwer
4. sehr schwer

Die Ursachen der Desertifikation | Eigene Darstellung nach Wiese 1997.



Die Überweidung wird als Hauptursache der Desertifikation angesehen. So stieg der weltweite Rinderbestand zwischen 1955 und 1967 um 38 %, der Bestand an Ziegen und Schafen um 21 %. Ökologische Kapazitäten wurden schnell erreicht, überschritten und damit die Lebensgrundlagen der Menschen gefährdet. Es ist ein Teufelskreis: Die starke Bevölkerungszunahme in ohnehin schon gefährdeten Gebieten zwingt die Menschen, mehr Vieh zu halten; das Vieh und die intensivere landwirtschaftliche Nutzung der Böden führen zu Überweidung und einer Überstrapazierung der Wasserressourcen, der erhöhte Lebensmittel- und Platzbedarf zwingt zu Abholzung; Abholzung führt zu Erosion...

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Die Sahelzone ist eine semiaride Übergangszone zwischen der Sahara und den feuchten Tropen, ein Savannengürtel zwischen Wüste und Regenwald, der sich vom Atlantik im Westen bis zum Roten Meer im Osten auf ca. 7000 km Länge und etwa 800 km Breite erstreckt. Sie ist auch eine Risikozone für die Landnutzung zwischen nomadischer Weidewirtschaft im Norden und randtropischem Regenfeldbau von Hirsebauern im Süden. Die einst mobilen Tierhalter mit Kamelen, Schafen und Ziegen, dazu Gruppen mit Rinderhaltung und Gruppen von Hirsebauern in der etwas feuchteren Zone sind konkurrierende Landnutzer.

Die Sahelzone | Bildquelle

Schon die Grenzziehung durch die Kolonialmächte hat die großräumige Mobilität der Nomaden eingeschränkt. Die Ausweitung des Regenfeldbaus in den nördlichen trockenen Sahel hinein mit seiner hohen Niederschlagsvariabilität hat die Anpassung dieser ethnischen Gruppe an die ökologischen Bedingungen weiter eingeschränkt und die Konflikte verschärft. Eine Periode relativ feuchter Jahre in der Mitte des letzten Jahrhunderts hat die Hirsebauern dazu verleitet, weit über die agronomische Trockengrenze hinaus ihre Felder nach Norden auszudehnen.

Abweichungen vom durchschnittlichen Niederschlag im Sahel (in cm) in den Monaten Juni bis Oktober für den Zeitraum 1900-2013 | Quelle: http://www.jisao.washington.edu/data/sahel/

[Die Werte des durchschnittlichen jährlichen Niederschlags schwanken innerhalb der Sahelzone zwischen 100 mm und 600 mm.]

Bis zu den Dürreperioden der 1970er- und 1980er-Jahre hatte sich diese Trockengrenze mehrere Hundert Kilometer weit in den Norden verlagert. Die Niederschlagsverhältnisse begannen sich ab den späten 1960er-Jahren zu verändern, es regnete weniger (teilweise gab es einen Rückgang um über 100 %), die Lebensbedingungen wurden immer schwieriger, die Natur wurde rücksichtslos ausgebeutet, um solange wie möglich vor Ort überleben zu können. Die Abholzung der Bäume (im Schnitt benötigt eine Familie 100 Bäume pro Jahr als Feuerholz) wog nun doppelt schwer, die schützende Bodenkrume wurde durch übermäßigen Viehbesatz jetzt noch schneller zerstört, Wasserreservoirs konnten sich nicht regenerieren, die Versalzung von Bewässerungssystemen war die Folge. Das hatte weitreichende ökologische Folgen, führte zur schnelleren Ausbreitung der Wüste und endete mit den bekannten Dürrekatastrophen und der Errichtung von Flüchtlingslagern.



PS: Ein Gürtel alter Dünen breitet sich vom Atlantik bis in die Republik Sudan aus. Er ist ein Relikt aus klimatisch trockeneren Perioden und zeigt, dass die Saharagrenze zu den Tropen hin weit nach Süden verschoben war. Dieser breite Dünengürtel ist durch den vorrückenden Feldbau und auch durch Überweidung starken Desertifikationsprozessen ausgesetzt, wodurch viele früher durch Bewuchs befestigte und jetzt freigelegte Dünen wieder zu wandern begannen.

[Am Umweltforschungszentrum Leipzig (UFZ) wurde im Rahmen einer Dissertation zur mobilen Weidewirtschaft in Trockengebieten ein Spiel entwickelt, das sich mit den Zusammenhängen von Natur, Landnutzung und sozialen Fragen befasst. Es nennt sich NomadSed und erinnert in seiner Struktur an die Siedler von Catan.]

Es grünt

Ab etwa Mitte der 1980er-Jahre besannen sich die Bauern auf ihre alten Traditionen und begannen damit, flache Kuhlen um ihre Ackerpflanzen herum anzulegen mit dem Ziel, das Regenwasser an den Wurzeln zu sammeln. In der Trockenzeit wurden diese Vertiefungen obendrein mit Viehdung abgedeckt, um den Boden vor zu tiefer Austrocknung zu schützen.
Das Prinzip ist simpel - aber sehr wirkungsvoll. Die Forstwirtschaft nennt diese spezielle Form des Ackerbaus "Farmed Managed Natural Regeneration" (FMNR), bei der neben den eigentlichen Ackerfrüchten Bäume wachsen. Deren Samen stecken im Viehdung und treiben gemeinsam mit den Ackerkulturen aus. Besonders eine Art - Faidherbia albida (Anabaum) - hat sich als nützlich erwiesen.

Die zu den Akazien gehörende Art trägt nur in der Trockenzeit Blätter und spendet dadurch den Ackerkulturen Schatten, während sie in der Regenzeit mit ihren Hülsenfrüchten für kostenlosen Dünger sorgt. Heute lautet der Rat für die Bauern, etwa 100 Bäume pro Hektar Feld zu pflanzen. Die Bandbreite reicht dabei von Akazien, Affenbrotbäumen, Eukalyptusbäumen und Tamarinden bis hin zu Mahagonis.

Dass aktuell in vielen Dörfern der Sahelzone mehr Bäume wachsen als noch vor 20 Jahren ist nicht zuletzt ein großer Erfolg der NGOs, deren unermüdliche Arbeit und wissenschaftliche Unterstützung den Bauern zu Gute kommt. Doch die Bäume sorgen nicht nur für reichere Ernten, sie erhöhen automatisch die Biodiversität der Region und beugen daher auch potentiellen Risiken von Monokulturen (erhöhte Anfälligkeit für Schädlingsbefall) vor. Darüberhinaus halten sie das Wasser länger im Boden und bilden natürliche Hindernisse für Stürme.

Allein im Niger werden durch die erhöhte Artenvielfalt und deren positive Rückkopplungseffekte Nahrungspflanzen, Brennholz und Futter im Wert von rund 200 Millionen Euro pro Jahr erzeugt.

Laut der Welternährungsorganisation FAO stieg die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion in Nord- und Westafrika zwischen 1981 und 2005 um 40 %. Und noch eine positive Nachricht gibt es aus der Region: Die Konflikte zwischen Bauern und Viehhirten sind rückläufig, nicht nur weil man erkannt hat, dass das Vieh, also dessen Dung, die Erträge steigert. Im Niger gibt es nämlich auch eine offiziell festgelegte Nordgrenze des Ackerbaus, den 14. Breitengrad. Nomaden dürfen nördlich davon Felder temporär bewirtschaften, Bauern nicht. Ferner beginnt die jährliche Wanderung der Herden in den Süden landesweit an einem bestimmten Datum - dann müssen die Felder abgeerntet sein.

PS: Was ist besser als Bäume zu pflanzen? Richtig! Bäume zu erhalten:
"The protection and management of natural regeneration often produces more and faster benefits than planting trees (e. g. farmers in Niger have protected and managed 200 million on-farm trees during the last 20 years, while all projects combined have planted 60 million trees during the same period, of which only an estimated 20% survived)."
(Chris Reij, Green Sahel 2010, S. 3)
Ende gut, alles gut?

Sicher nicht, denn der Anteil degradierter Böden wächst schneller als jener der fruchtbaren Böden. Im WBGU wird die trügerische Sicherheit des Ergrünens als "Überlagerung natürlicher Variabilität über einen langfristigen anthropogenen Trend zur Austrocknung" (WBGU 2007, S. 145) dargestellt.
"In the Sahel, the capability of vegetation growth is far greater on sandy soils than on crusted soils, where nearly no re-growth is possible without anti-erosion measures. Sandy soils, or even thin sand layers, offer many possibilities for plant growth. The capability of plant growths depends on the amount of rainfall and the use/overuse/management of natural resources by people."
(Hannelore Kußerow, Green Sahel 2010, S. 4)
Die Biogeographin von der FU Berlin warnt in ihrem Beitrag für das Green Sahel-Symposium ausdrücklich vor den negativen Folgen einer Überbevölkerung in der Sahelzone. Satellitendaten zeigen einen Rückgang der Vegetation innerhalb der letzten 10 Jahre in einigen Gebieten; die Bevölkerungszahlen für den Niger verdeutlichen auf eindrückliche Weise das Kernproblem:

1950 - 2,4 Mio. EW
2010 - 16 Mio. EW
2050 - ca. 27 Mio. EW


Der gestiegene Bevölkerungsdruck und damit einhergehend der erhöhte Bedarf an Feuerholz - es dient quasi als Öl-Äquivalent der Subsahara - gefährden die Etablierung wirksamer Strategien gegen die Bodendegradation.

[Von 1990 bis 2005 hat der Sudan über 11 % seiner Forst- und Waldhabitate verloren. (Buchroithner 2009)]
"Excessive population growth (demand for firewood) and management failures destroyed the initial success. The same problematic situation can be found in the whole Sahel: a decrease of woody vegetation combined with an increase in crusted soils. The exact dimension of these soils is not yet known. Desertification is mainly triggered by human activity and drought."
(Hannelore Kußerow, Green Sahel 2010, S. 4)
Auf die generelle Problematik bei der Interpretation von weltweiten Satellitendaten zur Begrünung von Trockengebieten weist Thomas Hickler auf dem gleichen Symposium hin:
"In summary, greenness and productivity seem to have increased in many but not all areas in the
Sahel, but a fertilised field with low biodiversity can appear as ‘re-greening’ on satellite data, even if some ecosystem services are degraded. [...] A general greening trend also occurs in many other global dryland areas. A mystery surrounds the pasture areas of Mongolia and Western USA, which are extensively used areas where precipitation is expected to be the main driver for re-greening. But while precipitation is decreasing, satellite images show that greening is taking place. [...] One potential explanation could lie in poorly understood changes in species composition, such as shrub encroachment. In the future, higher levels of atmospheric CO2 could become an important driver."
(Thomas Hickler, Green Sahel 2010, S. 6 f)
Die Bauern zeichnen also nicht allein für die kleine grüne Revolution verantwortlich. Vielmehr ist es auch ein internationaler "Verdienst": die gestiegene CO2-Menge in der Atmosphäre. Denn Vegetationszunahmen in Gebieten mit abnehmenden Niederschlägen machen auf den ersten Blick keinen Sinn. Auf den zweiten schon, berücksichtigt man die positiven Effekte des Kohlendioxids beim Pflanzenwachstum (erhöhte Stoffwechselraten, geringerer Wasserbedarf durch geringere Verdunstungsraten). Dass die negativen Folgen des anthropogenen Klimawandels in der Sahelzone die wenigen positiven leider überwiegen werden, steht im nächsten Abschnitt.

Klimawandel in der Sahelzone

Die hohe Variabilität der Niederschläge im Sahel begünstigt die Gefährdung des labilen Ökosystems durch Dürren.

Abgesehen von den verheerenden Ereignissen der 1970er- und 1980er-Jahre, schwanken die jährlichen Niederschläge zwischen 30 % und 50 % des Jahresmittels - mehrjährige Dürren sind quasi normal für diese Region. Erst in Kombination mit einer das empfindliche Ökosystem ausreizenden Bevölkerungszahl werden sie zur tödlichen Bedrohung. Der Vegetation kommt bei den genannten Schwankungen eine nicht unerhebliche Rolle zu, wie S. O. Los in den Geophysical Research Letters schreibt. Etwa 30 % der jährlichen Niederschlagsvariabilität in bestimmten Gebieten der Sahelzone führt er auf Vegetationseffekte zurück. Um auf diese Zahl zu kommen, verglichen die Forscher Daten von Rekordniederschlagsereignissen zwischen 1982 und 1999 mit den Satellitenbildern zur Vegetationsbedeckung im gleichen Zeitraum unter dem Aspekt der Vorhersagewahrscheinlichkeit für künftigen Regen. Sprich: Wie gut lässt sich aus gefallenen Regenmengen auf künftige Regenmengen schließen. Das Ergebnis kombinierte man dann mit einem Faktor, der die Vegetationsbedeckung des Vormonats wiedergibt. Wenn jetzt bei neuer Berechnung keine bessere Vorhersage möglich wäre, hätte die Vegetation keinen Einfluss auf künftige Niederschläge. Doch unter Einbezug des "grünen" Faktors wurden die überprüfbaren "Prognosen" um bis zu 30 % besser.

Die Oberflächentemperatur des Atlantiks hat ebenfalls Einfluss auf die Niederschläge in der Sahelzone, wie im lesenswerten Artikel von Lennard Olsson dargelegt wird:
"Recent results from global climate modelling, however, suggests a strong link between sea surface temperature (SST) anomalies and rainfall in the Sahel region. Using a GCM and a number of SST scenarios, Giannini et al. were able to reproduce much of the observed rainfall variation (1930–2000) in the Sahel and also explain some 25–35% of inter-annual rainfall variations. Local to regional interaction between vegetation and rainfall was also shown to be linked to the variability of Sahel rainfall."
(Lennard Olsson)
Einen interessanten Aspekt in die Diskussion um künftige Niederschläge in der Sahelzone bringen die Holländer ein. In ihrer Studie schildern sie einen Zusammenhang zwischen den Oberflächentemperaturen (SAT) in der Sahara und den Oberflächentemperaturen der sie umgebenden Meere. Die Forscher erwarten über den Kontinenten eine gegenüber den Ozeanen relativ größere Zunahme der SAT. Das bedeutet, über der Sahara herrscht dann relativ tiefer Luftdruck --> feuchte Luft vom Ozean würde nachströmen und für Regen sorgen. Die Modelldaten sagen 1-2 mm mehr Niederschlag pro Tag in der Sahelzone in den Monaten Juli bis September im Zeitraum bis 2080 voraus. Das entspräche bis zu 50 % mehr Regen gegenüber den dürregeplagten 1980ern.

Die Klimaprojektionen des IPCC bis 2100 auf Basis der jährlichen Abweichung der Häufigkeit von trockenen Tagen (< 1 mm Niederschlag) und der Abweichung der Bodenfeuchte:

Quelle: IPCC 2012, S. 173.

Nordafrika: heißere Sommer, kältere Winter, weniger Niederschlag
Sahelzone: Temperaturerhöhung um über 2 °C, heftigere Dürren
Tropisches Afrika: Temperaturerhöhung, insgesamt mehr Niederschläge
Südliches Afrika: Temperaturerhöhung, Abnahme der Winterniederschläge

Der WBGU schreibt in seinem Hauptgutachten zum "Sicherheitsrisiko Klimawandel":
"Die erwartete Erwärmung dürfte nach Klimasimulationen unter Verwendung des A1B-Szenarios bis Ende des Jahrhunderts 2,6–5,4 °C (Mittelwert 3.6 °C) betragen und damit etwas über der globalen Temperaturerhöhung liegen (IPCC, 2007a). Derzeitige Klimamodelle lassen allerdings keine verlässlichen Vorhersagen über die künftige Veränderung der mittleren Niederschläge in der Sahelzone zu. [...] Insbesondere in der Westsahara liefern die Modelle widersprüchliche Ergebnisse, wobei einige ein erhebliches weiteres Austrocknen der Region zeigen, andere eine zunehmende Feuchtigkeit und ein Vordringen der Vegetation in die Sahara. Szenarien mit stark zunehmender Trockenheit müssen also als mögliche zukünftige Entwicklung in Betracht gezogen werden. Darüber hinaus ist für die Sahara von einer erhöhten Variabilität der Niederschläge auszugehen. Der ohnehin bereits von Trockenheit betroffene Sahel könnte dadurch verstärkt unter Dürren und Desertifikation leiden und damit einem erhöhten Risiko von Nahrungskrisen ausgesetzt sein."
(WBGU 2007, S. 145 ff)
Einige Modelle sagen einen Rückgang der Niederschläge, andere einen Anstieg voraus. In keiner anderen Region der Erde gibt es so große Diskrepanzen in den Abschätzungen zur künftigen klimatischen Entwicklung wie in der Sahelzone. Das hängt hauptsächlich mit der enormen Größe des Gebiets und der somit relativ erhöhten Klimavariablenzahl zusammen.
"Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen."
(Mark Twain)
[Eine interaktive Karte zu den unterschiedlichen Auswirkungen des Klimawandels auf einzelne Erdteile]

Bekämpfung der Desertifikation - international

1996 trat eine UN-Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation in Kraft. Die UNCCD (United Nations Convention to Combat Desertification) wurde von 194 Ländern unterzeichnet. Die Unterschrift aller Länder ist ein wichtiges Zeichen, anerkennt man damit doch gleichzeitig die globale und überregionale Problemstellung. Die Unterzeichner verpflichten sich zu einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen dieser Erde unter der Maßgabe, die Produktivität der landwirtschaftlichen Nutzfläche zu erhalten und die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Geberländer, betroffene Länder und nichtstaatliche Akteure sollen gemeinsam an der Bekämpfung der Desertifikation mitwirken, gleichberechtigt und unter Einbezug der betroffenen Bevölkerung. Den Frauen kommt dabei eine besondere Rolle zu, sind es doch gerade sie, die in unterentwickelten Ländern oft die Finanzen der Familie verwalten und aufgrunddessen Vorteile durch nachhaltige Anbaumethoden zuerst erkennen und verbreiten helfen können.

Deutschland ist eines der größten Geberländer und fördert weltweit über tausend Projekte.
"In den Jahren 2008 und 2009 hat die Bundesregierung dafür knapp 460 Millionen Euro bereit gestellt." (BMZ 2011, S. 13)
Unter Bezugnahme auf die Kausalketten der Ursachen der Desertifikation (siehe Grafik oben) leitet man entsprechende Maßnahmen ab. Dazu gehören:

- die Aufklärung der lokalen Bevölkerung
- die Vermittlung nachhaltiger Landnutzungsstrategien
- die Unterstützung bei Wiederaufforstungsmaßnahmen
- die Bekämpfung der Erosion durch geeignete lokale Maßnahmen
- die Geburtenkontrolle
- die Begrenzung von Viehherden
- die Möglichkeit des freien Zugangs zu regionalen Märkten
- die rechtliche Klärung von Landbesitzverhältnissen
-...

Weitere Projekte:
"A Great Green Wall is proposed by African governments to stop desertification, but this is not based on substance: The farmer version of a Green Wall in Southern Niger does not stop land degradation in northern Nigeria. Whether degradation takes place or not depends on land use."
(Chris Reij, Green Sahel 2010, S. 2)
Mit einzelnen Erosionsschutzmaßnahmen ist es nicht getan - der gezeigte Maßnahmenkatalog verdeutlicht den Anspruch der Problemstellung. Wenn es nicht gelingt, solche Desertifikationsgebiete, speziell deren Bewohner, an der Wertschöpfung der Länder teilhaben zu lassen, wenn es bei bloßen Hilfsmaßnahmen im Krisenfall und einem Unterlassen von wirkungsvoller Vorsorge (Aufklärung, Bildung, staatliche Hilfe zur Selbsthilfe) bleibt, wird die Desertifikation nicht gestoppt werden. Hilfe von außen ist dabei notwendig, wobei die Einbeziehung der betroffenen Bevölkerung in alle Gegenmaßnahmen eine Voraussetzung für den Erfolg ist. Denn auch die Vorstellungen und Wünsche dieser Bewohner, seien sie nun an der Tradition oder an der Zukunft orientiert, müssen berücksichtigt werden, wenn der Lebensraum Savanne im Sahel erhalten werden soll. Eine alleingelassene Sahelbevölkerung kann den Desertifikationsprozess nicht vermindern oder gar stoppen. Ob sie will oder nicht.

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Literatur

Buchroithner, M.: Veränderung von Landnutzung und Vegetationsbedeckung in der östlichen Sahelzone von 1972 bis 2003. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der TU Dresden 58 (2009), S. 61-67.

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Bekämpfung der Desertifikation. Das deutsche Engagement im Bereich der Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Desertifikation. Bonn, 2011.

FAO (2007): Africa. In: FAO (Hg.): State of the World’s Forests 2007. Rom.

Goudie, A. (2002): Physische Geographie. Eine Einführung. Heidelberg.

Green Sahel. Symposium Documentation. Bonn, 2010.

Haarsma, R. et al. (2005): Sahel Rainfall variability and response to Greenhouse Warming. In: Geophysical Research Letters. Vol. 32. 2005.

Hennig, R. (2007): African climate change: Blooming Sahara or hunger and war? Afrol News, 21. Dezember 2007. [http://www.afrol.com/articles/27592 - abgerufen am 12.11.2012]

IPCC (2012): Managing the Risks of Extreme Events and Disasters to Advance
Climate Change Adaptation. Special Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change.

Los, S. O. et al. (2006): An observation-based estimate of the strength of rainfall-vegetation interactions in the Sahel. In: Geophysical Research Letters. Vol. 33. 2006.

Mueller, P. (2012): The Sahel is greening. The Global Warming Policy Foundation, Briefing Paper No. 2. [http://www.thegwpf.org/images/stories/gwpf-reports/mueller-sahel.pdf - abgerufen am 12.11.2012]

Owen, J. (2009): Sahara Desert Greening Due to Climate Change? In: National Geographic, 31. Juli 2009. [http://news.nationalgeographic.com/news/2009/07/090731-green-sahara.html - abgerufen am 12.11.2012]

Unmüßig, B; Cramer, S.: Afrika im Klimawandel. GIGA Focus Global, Nr. 2, 2008.
[http://kms2.isn.ethz.ch/serviceengine/Files/EINIRAS/90091/ipublicationdocument_singledocument/1C22BC18-2F12-4490-933A-3B133D0E8D26/de/gf_afrika_2008-02.pdf - abgerufen am 12.11.2012]

WBGU (2007): Welt im Wandel: Sicherheitsrisiko Klimawandel. Berlin.

Wiese, B. (1997): Afrika. Ressourcen, Wirtschaft, Entwicklung. Stuttgart.

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