Sonntag, 8. September 2013

Die archäologischen Grabungen im Vorfeld der A 72 zwischen Borna und Rötha

Bei baulichen Großprojekten jubeln Archäologen meist, bietet sich ihnen dadurch doch die ansonsten womöglich nie eingetretene Chance, an jenen Stellen bezahlt (!) nach Zeugnissen aus der Vergangenheit zu suchen. Gesetzliche Pflichten machen den Spezialisten für die Vorgeschichte den Weg auf die Baustellen frei, bevor Bagger und Beton den Boden und alles darin befindliche versiegeln.

Im Leipziger Südraum schiebt sich seit mehreren Jahren ein Asphaltband unaufhaltsam von Chemnitz in Richtung nordwestsächsisches Wirtschaftszentrum voran. Zuletzt wurde am 9. August der 20 km lange Abschnitt zwischen Rochlitz und Borna-Süd für den Verkehr freigegeben. Die A 72 verbindet die A 4 mit der A 38 und schließt damit eine Lücke im sächsischen Verkehrsnetz. Ob sie nötig ist? Die Anwohner entlang der B 95 - für Jahrzehnte die einzige Bundesstraßen-Verbindung zwischen Leipzig und Chemnitz - werden diese Frage wohl bejahen. Schwere Lkw, die sich sommers wie winters durch die kleinen Ortschaften zwängten, brachten wohl so manchen um seine ländliche Idylle. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Beantwortung schwieriger. Man muss abwarten, inwiefern sich tradierte Warenströme verschieben und sich regionale Gewerbe an die neue Situation anzupassen vermögen.

Tag des offenen Denkmals

Jedes Jahr im September öffnen deutschlandweit Denkmäler ihre Pforten und laden Interessierte zum Zwiegespräch mit der Geschichte ein. Ich nutzte in diesem Rahmen heute das Angebot des Sächsischen Landesamtes für Archäologie, Fundstücke der Grabungen entlang des künftigen A 72-Verlaufs zwischen Borna und Rötha vor Ort betrachten zu dürfen.


Überreste aus dem Zeitraum Neolithikum (in Mitteleuropa ab etwa 5500 BC) bis zur Neuzeit machen neugierig und deshalb beschäftigen wir uns zunächst ein wenig mit der Theorie.

Die Jungsteinzeit (Neolithikum) als die letzte Epoche der vorgeschichtlichen Steinzeiten komplettiert das Trio aus Altsteinzeit (Paläolithikum) und Mittelsteinzeit (Mesolithikum). Die ursprüngliche Definition dieser Epoche der Menschheitsgeschichte umfasst das erste Auftreten von geschliffenen Steinwerkzeugen (Äxte, Beile) zur Waldrodung, von Keramik sowie von größeren Ansiedlungen (Übergang zur Sesshaftigkeit). Nach der heutigen Definition ist jedoch der Wechsel vom Leben als Jäger und Sammler hin zu einer selbst produzierenden Wirtschaftsform als Bauer und Viehzüchter kennzeichnend. Einschneidende Veränderungen in Lebens- und Denkweise, Sozialstruktur sowie in Kunst und Religion waren die Folgen dieses so grundlegenden Wandels der Lebensform. Als weitere zentrale Neuerung der Zeit gilt die Bildung von Besitz und Kapital in Form von Land, Saatgut, Haustieren, Rohstoffen oder Schmuck. Da dieser radikale Bruch mit der bis dato üblichen Lebensweise tiefgreifende Folgen für Mensch und Umwelt nach sich zog, prägte man für den Übergang von älterer zu jüngerer Steinzeit den Begriff Neolithische Revolution.

Was waren die Ursachen? Verschiedene Theorien suchen nach Antworten, analysieren sowohl kulturelle als auch klimatische Faktoren. Die weltweit gut dokumentierten end- und nacheiszeitlichen Klimaveränderungen sind dabei zentral. Das verbesserte Nahrungsangebot in der Warmzeit machte das bisherige Nomadentum in vielen Regionen obsolet bzw. entband es seines daseinsprägenden Einflusses. Mehr Nahrung zwingt zur Bevorratung -> Vorräte müssen sicher gelagert werden -> sichere Lagerung erfordert bauliche Ideen und verhindert ihrerseits weiträumige Ortswechsel. Mit der ersten Anlage von Feldern und der Domestikation unserer heute bekannten Nutztiere war schließlich der neolithische Mensch geboren. Typische Zeugnisse aus jener Epoche sind Keramiken, die aufgrund ihrer speziellen Charakteristika namengebend für eine ganze Kultur wurden: Die Bandkeramik.

Vom Eis geprägt

Die für weite Teile Mitteleuropas landschaftsprägende Eiszeit transportierte mit den Gletschern nicht nur nordische Geschiebe in unseren Raum, nein, sie schuf vielmehr erst die Grundlage - bereitete im Wortsinn den Boden vor - für die Landwirtschaft.

Das Inlandeis Nordeuropas hatte seinen Ursprung im skandinavischen Hochgebirge, von wo es einerseits westwärts zur norwegischen Küste hin "abfloss" (Fjordbildung), andererseits aber über das Becken der heutigen Ostsee nach Russland, Polen und auch in das Norddeutsche Tiefland vorstieß. Die südliche Maximalausdehnung der letzten Kaltzeit (Weichsel-Kaltzeit, 90.000 - 8.500 BC) reichte bis nach Brandenburg (Brandenburger Stadium), jene der älteren Saale-Kaltzeit (230.000 - 110.000 BC) bis an den Rand der Mittelgebirge. Dreimal drang das Eis während des Pleistozäns von Skandinavien her in das Tiefland im Norden Deutschlands vor. Jeder große Eisvorstoß war in sich noch in mehrere Vorstöße gegliedert, zwischen denen Phasen eines räumlich enger begrenzten Eisrückzuges lagen. Die Tatsache, dass die älteren Eisvorstöße weiter nach Süden reichten als die jüngeren bedeutet für die heutige Landschaft, dass die südlichen (= älteren) Endmoränen, Sander und Grundmoränen nicht von jüngeren Eismassen "überfahren" worden. Die länger wirkende Abtragung aufgrund ihres höheren Alters sorgte dennoch für eine starke Verwischung ihrer orographischen Merkmale.

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Die Formung der Landschaft des Tieflandes im Norden durch das eiszeitliche Inlandeis

Die Formung der Landschaft des Tieflandes im Norden durch das eiszeitliche Inlandeis.
 Die Gliederung des Quartärs in Europa

Die Gliederung des Quartärs in Europa.
Eisrandlagen, Sander und Urstromtäler sowie die südlichen Ausdehnungsgrenzen der drei Kaltzeiten des Pleistozäns

Eisrandlagen, Sander und Urstromtäler sowie die südlichen Ausdehnungsgrenzen der drei Kaltzeiten des Pleistozäns.
Die glaziale Serie zwischen Ostsee und Elbsandsteingebirge

Die glaziale Serie zwischen Ostsee und Elbsandsteingebirge.

Sedimentauswehung im Gletschervorfeld.
Quelle: http://www.geographie.uni-stuttgart.de/seminare/lehrpfad/Pleistozaen/Startseite.htm
Der Periglazialraum - das nicht vergletscherte Gebiet an der Randlage der Inlandeismassen - war weitgehend vegetationslos, was zur Folge hatte, dass Sand und Schluff aus den Gletschervorfeldern ausgeweht (u.a. aufgrund kalter Fallwinde von den Gletschern) und über weite Strecken transportiert werden konnten. Die Ablagerung erfolgte in Beckenlagen, wo sich schließlich aus dem feinen Sediment Löß (= eiszeitlicher Steppenstaub) bildete. Solche Lagen weisen stellenweise Mächtigkeiten von mehreren 100 Metern auf. Die sich infolge der Lößauswehung entwickelnden Bodentypen (Braunerden und Schwarzerden) besitzen die höchsten Bodenwertzahlen.

Der Boden war folglich bestellt, fehlten nur noch die Bauern. Überreste ihrer Kultur finden wir heute überall in den fruchtbaren Lößgebieten Mitteleuropas. Wie bereits erwähnt, resultierten aus der "Revolution" Bauern und Viehzüchter, die sich in günstigen naturräumlichen Lagen niederließen. Flusstäler, Auen und Beckenlagen begünstigten den Anbau von Nahrung und führten zur Anlage erster Dörfer. Langhäuser und Gräberfelder aus dieser Zeit können heute häufig bei archäologischen Untersuchungen hier im mitteldeutschen Raum gefunden werden. Die Menschen der Bandkeramik verzierten ihre Tongefäße mit den typischen Mustern, wobei man chronologisch die Linienbandkeramik vor der Stichbandkeramik einordnet.

PS: In der Altsteinzeit waren die Jobaussichten als Archäologe sicher etwas schlechter als heute ;-)



Literatur:

Wagenbreth/Steiner: Geologische Streifzüge. 4. Aufl. Leipzig 1990.

Funde aus dem Neolithikum bei Espenhain.


Steinzeitliche Keramikscherben.

Einblicke in die Arbeit von Archäologen.

Keramikscherben.

Container und Dixi, Hitze im Sommer, Schnee und Bodenfrost im Winter - Archäologen müssen einiges abkönnen.

Hinter dem "Flatterband": ein Grabungsfeld.

Umrisse eines steinzeitlichen Langhauses.

Steinzeitliche Siedlungsreste (Pfosten).


Bagger tragen die Erde 40 cm tief ab - dann kommen die Archäologen.

"Suchgräben".

Skizze eines 7000 Jahre alten Langhauses.

Scherben bringen Glück.

Ein Mahlstein aus der Steinzeit.

Henkel aus Keramik.

Eine Klinge aus Silex (Feuerstein).

Das Grabungsareal zwischen Espenhain und Rötha.

Das Grabungsareal zwischen Espenhain und Rötha.



Der "große Stein" im Vordergrund ist ein Relikt aus der Eiszeit - nicht anthropogen.


Auch hier: Die Steine sind Flussablagerungen.

Im Hintergrund: Das Kraftwerk Lippendorf.

Reste eines steinzeitlichen Hauses?

Die gelben Linien kennzeichnen Sedimentablagerungen.

Na? Was haben wir hier?


Das ist alles vor den Menschen dorthin gelangt.

Die nächste Gruppe wird über das Grabungsfeld geführt (im Hintergrund: die B 95).

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