Montag, 28. Oktober 2013

200 Jahre Völkerschlacht | Lichtinstallation "Cosmogole"

Zwischen dem 18. und 20. Oktober 2013 wurde an drei Abenden vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal eine Lichtinstallation mit Namen "Cosmogole" aufgeführt. Dieses deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt war Teil der Gedenkwoche 200 Jahre Völkerschlacht.

Der Künstler Philipp Morvan aus Frankreich hat seine Lichtskulptur mithilfe der Bundeswehr - sie baute dafür extra eine Pontonbrücke - im "See der Tränen" vor dem Denkmal errichten lassen. Im Zentrum steht eine LED-besetzte Kugel mit 3 Metern Durchmesser, rundherum sind 60 weitere Leuchtkörper mit unterschiedlicher Größe befestigt. Insgesamt misst der Bau 14 Meter Breite und wiegt eine dreiviertel Tonne.

Ich war am Abend des 19. Oktober zwischen 19 Uhr und 0 Uhr vor Ort, habe fotografiert, gefilmt, geplaudert. Eine Auswahl der Fotos gibt es nun hier zu sehen, wie immer verbunden mit dem Hinweis: Wer die Panoramen in Originalauflösung sehen und ggf. drucken möchte (max. 200 Megapixel), schreibt mir bitte eine kurze Nachricht.

Mit wem ich geplaudert habe? Nun, einmal mit bemitleidenswerten Smartphone-Knipsern, denen ich einen Link zu meinem fertigen Fotoalbum ans Herz gelegt und deshalb ein paar E-Mail-Adressen notiert habe. Wesentlich interessanter war allerdings der Treff mit einem Mann Anfang 60, in dessen Folge ich Zeuge einer ganzen Lebensgeschichte werden sollte. Ich muss ein verborgenes Talent besitzen, dass sich mir Menschen offenbaren. Vielleicht sollte ich auf Psychiater umsatteln...

Seit diesem Jahr in Rente, streifte mein Gesprächspartner an jenem Abend durch die milde Nacht und schaute sich wie etwa 5000 andere die wenig spektakuläre Leuchtshow an. Unsere Wege kreuzten sich gegen 22.30 Uhr bei der gemeinsamen Hilfe für einen Rollstuhlfahrer. Er, der Rolli, wollte nämlich auch gerne ein Erinnerungsfoto und bat darum, wir sollten seine Kompaktkamera aus dem Rucksack nehmen und für ihn fotografieren (seine Handbewegungen waren ebenfalls eingeschränkt). Kein Problem. Ich nahm die kleine Panasonic, schraubte sie auf mein Stativ und kitzelte aus den Einstellungen das Maximum heraus. 3 Aufnahmen, 3 verschiedene Blickwinkel, 3 verschiedene Brennweiten. Gern geschehen, schönen Abend noch.

Man muss sich das mal vorstellen, da geht ein Mann gerade in Rente, sprichwörtlich am Beginn seines Lebens ("Mit 66 Jahren...") und sieht ein privates Trümmerfeld vor sich. Der Sohn ist Mitte 30, schwerbehindert, auch aufgrund massiver ärztlicher Fehleinschätzungen, ein lebenslanger Pflegefall. Die Frau wohnt im gemeinsamen Leipziger Haus - aber die beiden leben dort nur noch unter einem Dach, mehr nicht; denn die Ehe wurde vor 13 Jahren geschieden. Zu DDR-Zeiten vertraute man der lebenslangen Liebe noch mehr als heute (klar, es konnte ja auch niemand weglaufen [sic!]), die Folge waren gemeinsame Konten, gemeinsame Immobilien, gemeinsame Güter. Keine vorsorgliche Trennung, dem Gelingen der Liebe auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wenn ein solches Konstrukt ins Wanken kommt, führt man irgendwann mit wildfremden Menschen sehr intime Gespräche - so auch dieser intelligente Mann. Er arbeitete 40 Jahre lang an der Uni, zwar nicht als Prof., aber solide im akademischen Mittelbau.
19.05 Uhr - noch ist nix los.

Als Ingenieur löste er Probleme, bevor andere diese überhaupt bemerkten, er war anerkannt, respektiert. Die Liebe zum Job spürte auch ich sofort und gern hätte ich ihn näher zu den Ursachen für seine totale Begeisterung befragt, allein, er sprach weiter von der Familie. Ich bin in Familienfragen nicht unbedingt der kompetente Gesprächspartner; zu Uni-Zeiten war ich stets der gute Freund, der immer zuhörte und der auch nachts um halb zwei nochmal fix am Telefon die Biochemie-Protokolle mit der Kommilitonin durchging (und danach bis um fünf wegen ihrer Stimme kein Auge mehr zu bekam). Christian war immer hilfsbereit. Christian fokussierte zu wenig auf eigene Projekte/Partnerschaften. Das veränderte sich mit den ersten Kindern im Freundeskreis, mit den ersten Eheschließungen bei Schulfreunden. Ich setze gerade meine große Zehe vorsichtig in das Fischbecken, hoffend, der vorbeitobende Hund auf der Wiese stößt mich vollends hinein.

Na ja, Lebenserfahrung ist Lebenserfahrung. So oder so. Jedenfalls war meine Rolle an diesem Oktoberabend in Leipzig genau die richtige. Zuhören, gezielte Lenkungsfragen stellen, Vertrauen entgegenbringen. Mehr konnte man nicht machen. Wir verbrachten das zeitliche Äquivalent eines Fußballspieles am Rande dieses Wasserbeckens, dessen Symbolkraft (siehe oben) sich bis in unsere beiden Leben erweiterte. Die Verabschiedung war sehr herzlich, ich sah ihm noch lange nach. Wie wird der Autor dieser Zeilen mit Anfang 60 auf sein Leben zurückblicken? Wird er dann auch wieder allein durch die Nacht streifen?






























Figur des Erzengels Michael.

Die Ostseite.

12 m hohe Wächterfiguren unterhalb der Aussichtsplattform.

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