Freitag, 10. Januar 2014

Jonathan Safran Foer: Tiere essen

Ein Gastbeitrag von Kati

Zugegeben, die scheinbar unerschöpflichen sowohl öffentlichen als auch medialen Diskussionen zu den Themen Gesunde Ernährung bzw. Fleischkonsum, Vegetarismus, Veganismus und dergleichen mögen bei dem einen oder anderen mitunter das Gefühl hervorrufen, dass es irgendwann zu viel des Guten ist. Dass es doch bitte weiterhin jedem selbst überlassen sein sollte, für welche Ernährungsweise er sich entscheidet. Nun, es bleibt weiterhin jedem selbst überlassen. Man muss dann allerdings bereit sein, diversen unbequemen Wahrheiten auf dem Feld der Ernährung offen ins Auge zu schauen, sich ehrlich zu deren Existenz und der eigenen Mitverantwortung bekennen.

Ja, eine einseitige Ernährung ist ungesund, ein hoher Fleischkonsum klimaschädlich und die Aussage, dass Veganer grundsätzlich gesünder leben, mit Vorsicht zu genießen - im Prinzip wissen wir das alles. ODER?

Jonathan Safran Foers Buch Tiere essen ist keine Neuheit, sondern schon eine Weile auf dem Markt; doch seit dem Jahr seiner Erscheinung (2009) hat das Thema die Schlagzeilen nie verlassen - wir denken beispielsweise an die Fleischskandale hierzulande. Der jüngst veröffentlichte Fleischatlas 2014 präsentiert uns Konsumenten schwarz auf weiß die aktuellen Fakten zum Thema Tiere als Nahrungsmittel und wirft gleich zu Beginn eine Reihe einfacher Fragen auf:
"Fragen Sie sich auch manchmal, woher die Steaks, Würstchen oder Burger kommen, die Sie gelegentlich verspeisen? Und selbst wenn Sie es wüssten, könnten Sie dann sagen, unter welchen Umständen und mit welchen Folgen das Fleisch für Ihre Mahlzeit produziert wurde? Nein? Das verwundert nicht, denn darüber steht auch nichts auf den Verpackungen von Wurst und Fleisch in den Supermärkten.

Woher also sollen durchschnittlich informierte Konsumentinnen und Konsumenten wissen, dass ihr Fleischkonsum Auswirkungen rund um den Globus hat? Wer weiß schon, dass die massenhafte und global organisierte Fleischproduktion für die Abholzung des Amazonas-Regenwalds unmittelbar verantwortlich ist? Wer kennt die Auswirkungen unserer Agrarexporte auf Armut und Hunger in Ländern wie Kamerun oder Ghana, auf Vertreibung und Migration, auf Klimawandel und Artenvielfalt?"

(Quelle: Fleischatlas 2014, S. 6)
Der Autor selbst war nach eigenen Aussagen zu Jugendzeiten ein eher inkonsequenter Teilzeitvegetarier mit fragwürdigen Motiven: Es ging darum, hip zu sein, den alternativen Kommilitoninnen näherzukommen und philosophische Reden schwingen zu können. Was jedoch letztendlich ausschlaggebend dafür war, sich in jahrelange Recherchen und nicht immer ganz legale Aktionen rund um das Thema "Tiere essen" zu stürzen, war etwas ganz anderes: Die Aussicht, bald Vater zu werden. Keine Angst: Wer in Foers Buch jetzt "Hurra, wir [sic!] sind schwanger"- und "So ein Kind verändert einfach alles"-Tiraden erwartet, sei beruhigt. Sie bleiben aus. Vielmehr sieht sich der Bestsellerautor mit einer Reihe neuer Fragen konfrontiert: "Ich wollte einfach wissen - für mich und meine Familie -, was Fleisch ist. Ich wollte das so konkret wie nur möglich wissen. Wo kommt es her? Wie wird es produziert? Wie werden die Tiere behandelt, und inwieweit ist das wichtig? Welche ökonomischen, gesellschaftlichen und umweltrelevanten Auswirkungen hat das Essen von Tieren?" (Foer, S. 23)

Gibt es Tiere, die man bedenkenlos essen kann? Gibt es Situationen, in denen der Verzicht auf Fleisch falsch ist? Warum essen wir im Westen kein Hundefleisch?"

Tiere essen vereint mehrere Genres in sich. Faktenbasiertheit und wissenschaftliche Argumente rechtfertigen eine Einordnung als Sachbuch, vielseitige Reportagen und sogar philosophische Exkurse (zum Beispiel dazu, wie wichtig gemeinsam zelebrierte (Fleisch)Mahlzeiten sind und dass gewisse (Fleisch)Gerichte trostspendend wirken) sprengen diesen Rahmen. Foer untersucht nicht nur die aktuelle Situation in den USA und der Welt, sondern beleuchtet auch geschichtliche und psychologische Aspekte unserer Ernährung. Illustriert wird dies anhand persönlicher Erfahrungen des Autors im Rahmen seiner Recherchen und der Aussagen von Beteiligten am Geschäft mit dem Fleisch. Foer nimmt kein Blatt vor den Mund und schildert teilweise grausam detailliert genau das, was man (nicht?) wissen will. Aus all dem lässt sich schlussfolgern, dass es durchaus gute Gründe dafür gibt, warum wir heute so leben und essen, wie wir es nun einmal tun. Doch es lässt sich auch nicht verleugnen, dass dieser Lebensstil keine Zukunft hat.

Jonathan Safran Foers Buch ist kein direkter Appell an die Leser, sich in Zukunft vegetarisch oder gar vegan zu ernähren, was der Autor nicht nur auf Seite 24 seines Werkes, sondern auch in Interviews betont:
"Auch ich ging davon aus, dass mein Buch über das Essen von Tieren ein aufrichtiges Plädoyer für den Vegetarismus würde. Aber das ist es nicht. Ein aufrichtiges Plädoyer für den Vegetarismus wäre sicherlich ein wichtiges Sujet, aber ich habe hier etwas anderes geschrieben."
(Foer, S. 24)
Es sollte nicht immer darum gehen, eine Entscheidung für oder gegen etwas zu treffen, sich zu outen oder zu versuchen, andere zu bekehren. Dennoch: "Wenn wir Menschen aber ein pralles Leben auf Kosten des Leids anderer Tiere führen, hört der Spaß auf: Kein Mensch braucht Nerz-Mäntel, kein Mensch braucht tagtäglich ein Schnitzel auf dem Teller und kein Mensch braucht Elfenbein-Trophäen. Das vorherrschende abendländische Paradigma, dass Tiere reine Gegenstände oder wertneutrale Objekte sind, gehört in den Mülleimer der bürgerlich-kirchlichen Ideengeschichte."

Foer geht es vor allem darum, nicht zu vergessen, dass das Stück Fleisch auf unserem Teller tatsächlich einmal ein Lebewesen war, und darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen: "Wenn Ihnen das Wohlergehen der Tiere wichtig ist, dann sollten Sie wohl am ehesten Eier weglassen. Wenn Ihnen die Umwelt wichtig ist, sollten Sie kein Rindfleisch essen. Wenn Ihnen die Zukunft des Planeten wichtig ist, sollten Sie auf Fisch verzichten." (FAZ)

Gleichzeitig kommt jedoch auch die ernüchternde Erkenntnis: Selbst wenn wir uns dafür entscheiden, nur noch Bio-Fleisch zu verzehren, ist das noch immer keine Garantie dafür, dass das Tier auch auf eine akzeptable Art und Weise gelebt hat und (was mindestens genauso wichtig und leider in weitaus geringerem Maße sichergestellt ist) auch getötet wurde. Ganz zu schweigen davon, dass unser heutiger Fleischkonsum nicht durch eine rein ökologische Erzeugung abgedeckt werden könnte. Hinzu kommt das häufig vorgebrachte Argument, dass Fleisch aus biologischer Haltung einfach viel zu teuer sei: "Es ist in der Tat ziemlich teuer, gutes Fleisch zu kaufen, aber wenn Ernährung tatsächlich eine Frage des Budgets ist, gibt es keine bessere Alternative als vegetarisches Essen. Das Problem ist, dass man kochen können muss. Und das ist ein wirkliches Problem. Die meisten haben vergessen, wie man kocht." (FAZ)

Auch wenn sich Foer bei Zahlen und Fakten zumeist auf die USA bezieht, schafft er es doch auch, den globalen Bogen zu schlagen (der Lebensstil in Westeuropa ist jenem in den USA gar nicht so unähnlich). Zusätzlich wurde für alle angesprochenen Problematiken vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) eine Übersicht zur Sachlage der Massentierhaltung in der Bundesrepublik für die deutsche Ausgabe im Buchanhang zusammengestellt.

Gern sei hier noch auf das verwandte Buch der deutschen Autorin Karen Duve Anständig essen. Ein Selbstversuch verwiesen - eine ebenfalls lohnenswerte Lektüre für alle, die sich für das Thema interessieren und noch mehr für die, die es bisher nicht taten.

Jonathan Safran Foer: Tiere essen. S. Fischer Verlag. 3. Aufl. Frankfurt am Main 2013.

Interviews mit Jonathan Safran Foer in deutschsprachigen Medien:

FAZ (17.01.2010): "Ich liebe Würste auch. Aber ich esse sie nicht"
ZEIT (12.08.2010): "Donnerstags kein Fleisch"

PS: Für alle, die eher zu den visuellen Typen gehören (und keinen schwachen Magen haben), hält Youtube noch das folgende (englischsprachige) Schmankerl bereit: If Slaughterhouses had Glass Walls

Keine Kommentare: