Sonntag, 13. Juli 2014

Eine Weinbergwanderung am Schloß Wackerbarth

Sollte Karl May im frühen 20. Jh. durch die Elbhänge seiner späten Radebeuler Heimat gestreift sein - es bot sich ihm ein trauriger Anblick. Denn ab 1885 sorgte ein nur circa 1 mm großer Schädling für Panik unter den sächsischen Winzern. Hinter der "Reblauskatastrophe" verbirgt sich die klassische Geschichte einer durch Neozoen ausgelösten massiven Gefährdung einheimischer Arten. Über Rebstöcke von der Ostküste Nordamerikas gelangte der Pflanzenlaus-Vertreter in den 1860er Jahren nach Europa, wo er sich in den Monokulturen aufgrund fehlender Fressfeinde massenhaft vermehren konnte.
Stichwort Reblaus

Daktulosphaira vitifoliae ist eine Art der Zwergläuse, die 1854 in Nordamerika erstmalig an Wildreben entdeckt wurde. Die Entwicklung vollzieht sich als Generationswechsel mit Befallsstadien an ober- und unterirdischen Teilen des Rebstocks. Das am Stamm abgelegte Ei liefert im Frühjahr die Stammmutter (Fundatrix), die durch ihre Saugtätigkeit an Blättern bestimmter Sorten erbsengroße Gallen verursacht. Ihre parthenogenetisch (ohne Befruchtung) erzeugten Nachkommen bleiben in der Mehrzahl zunächst oberirdisch und erzeugen selber Blattgallen, während die der nachfolgenden Generationen vermehrt in die Erde an die Wurzeln wandern (Wurzelläuse).

Letztere stellen die größte Gefahr für die Rebstöcke dar, da durch ihre Saugtätigkeit die Leitgewebe der Wurzeln geschädigt werden, was für die Pflanze Wasser- und Nährstoffmangel zur Folge hat und bei starkem Befall zum Absterben der Rebe führt. Außerdem können sich Bakterien, Pilze und Viren in der geschwächten Pflanze schneller ausbreiten. Die Wurzelläuse erzeugen im Spätherbst geflügelte Formen, die auf oberirdische Pflanzenteile wandern und dort Eier ablegen, aus denen ungeflügelte Männchen und Weibchen hervorgehen. Nach der Paarung dieser Geschlechtstiere legt jedes Weibchen ein Ei am Stamm ab und der Kreislauf beginnt von vorn.

Die direkte Bekämpfung der Reblaus ist durch Begasung der befallenen Weinberge mit Schwefelkohlenstoff möglich, bringt jedoch wenig Erfolg. Wirksamer und biologisch sinnvoller ist die Verwendung von Pfropfreben mit amerikanischen Wildreben als Unterlage. Deren Wurzeln sind zwar resistent gegen die Reblaus, eignen sich aber nicht zur Weinbereitung. Deshalb pfropft man europäische Vinifera-Sorten auf die Wildreben und erhält so weitestgehend reblausresistente Stöcke.
Zwei Jahre vor Karl Mays Tod war die Weinanbaufläche in der Großlage "Radebeuler Lößnitz" von 150 ha auf 10 ha geschrumpft, nachdem man vorrangig durch die Vernichtung der Vegetation ganzer Weinberge und eine Vergiftung des Bodens mit Schwefelkohlenstoff und Petroleum den eingewanderten Schädling zu bekämpfen wusste. Man bemerkte die schrecklichen Folgen dieser Radikalkur wie so oft erst, nachdem es zu spät war. In ganz Sachsen schrumpfte die Weinanbaufläche von 6000 ha vor der Reblaus auf 450 ha nach ihr.

Den Namen Reinhold Bahrmann sollte man sich als Freund sächsischer Weine merken, denn er sorgte 1907 in Diesbar-Seußlitz für die Rückkehr des Weines mit veredelten Reben. Der Hesse Carl Pfeiffer begleitete schließlich die weitergehende Modernisierung des hiesigen Weinbaus, in deren Folge ab Ende der 1920er Jahre die Erträge deutlich anstiegen. Außerdem wichtig in diesem Zusammenhang sind die Gründung des "Kleinweinbauvereins" 1929 in Meißen, der sich dem Ziel einer Förderung kleinster Anbauflächen verschrieben hat; sowie die Gründung der sächsischen Winzergenossenschaft 1938.

In medias res

"Schloß Wackerbarth" steht seit 22 Jahren für den Sitz des Sächsischen Staatsweingutes, welches nach der politischen Wende aus dem VEB Volksweingut hervorging. Dem Besucher im Jahr 2014 bietet sich ein perfekt restauriertes Kulturdenkmal, bestehend aus Schloßgebäude, Belvedere, Jacobstein und Weinbergen.

Wir parken unsere Räder direkt neben dem gläsernen Schauraum gegenüber der Wein- und Sektmanufaktur, etwa 20 Minuten verbleiben bis zum Beginn der Führung durch die Weinberge. In der barocken Gartenanlage zwischen Schloß und Belvedere haben zahlreiche Gäste mit einem Gläschen an einem der runden Tische Platz genommen. Es ist eine bunte Mischung aus Sonntagsausflüglern jedweder Couleur sowie Sehen-und-gesehen-werden-Typen mit S-Klasse auf dem Parkplatz. Selbstverständlich sitzen die Vertreter der letztgenannten Gruppe am oberen Rand der Wiese...

Meine Befürchtung, ähnliche Konstellationen während unserer 2,5-stündigen Tour erdulden zu müssen, zerstreuen sich glücklicherweise im selben Tempo wie die Wolkenlücken größer werden.



Belvedere. Rechts oben im Bild: Der Jacobstein.



"Menschengeschlechter ziehen vorüber wie die Schatten vor der Sonne."

Schloß Wackerbarth.

Auf den Radebeuler Weinwegen

Links vorbei am Belvedere führt uns der Weg sogleich steil hinauf in Richtung Jacobstein, einem Weinbergpavillon mit Baujahr 1742. Typisch für den Weinbau in der Radebeuler Lößnitz sind die steilen Hänge mit den trockengesetzten (ohne Mörtel) Weinbergsmauern aus Syenit.

Das vulkanische Gestein ist Teil der Lausitzer Überschiebung, welche sich beispielsweise oberhalb des Elbtals bei Hohnstein im Landschaftsbild durch ein typisches V-Tal vom weicheren Sedimentgestein der Elbtalzone abhebt.

Im hiesigen Abschnitt des Elbtales dominieren sehr steile Lagen, auf denen sich nur eine dünne Bodenschicht bilden kann. Der weinliebende Mensch half deshalb nach und optimierte ab den frühen 1600er Jahren den Ertrag auch in Sachsen durch die Einführung des Terrassenweinbaus.

Mauern aus Syenit.


Wir streifen durch den Johannisberg, mit 31 ha Rebfläche die größte der drei Lagen der Großlage Radebeuler Lößnitz. Die insgesamt 85 ha Rebfläche liegen mehrheitlich innerhalb des seit 2001 bestehenden Denkmalschutzgebietes "Historische Weinberglandschaft Radebeul", deren Schutzgegenstand folgendermaßen definiert wird:
"a) das überlieferte Erscheinungsbild der Lößnitzhänge als traditionelle Weinbaulandschaft mit Reb- und Anbauflächen auf nach Süden geneigten Geländeterrassen, Weinbergs- und Terrassenmauern in Trockenbauweise mit Naturstein - vorwiegend Syenit - sowie alle traditionellen Treppenanlagen am Hang
b) die Einheit von Bauwerk und Landschaft innerhalb des Hangbereiches mit ihren historischen Schloßanlagen, Lusthäusern, dem Weinbau zugehörigen Neben- und Funktionsgebäuden wie Weinbergshäuschen, Pavillons, Presshäusern, Faß- und Vorratskellern sowie den typischen Winzerhäusern als einzeln stehende Wohnhäuser oder als Gesamtanlagen von Bauwerk-, Hof- und Gartenanlage im Bereich zwischen Hangkante und auslaufendem Hangfuß [...]"
(Quelle)
Links und rechts von uns befinden sich die an Pfählen gezogenen Rebstöcke inmitten einer wahrlich schönen Landschaft. Die Stadt Radebeul hat mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von 9,2 °C übrigens das mildeste Klima in ganz Sachsen zu bieten und wird diesem Ruf heute ebenfalls gerecht.

Während der zahlreichen Stopps unseres kundigen Guides erfahren wir nämlich nicht nur viel über die Rebsorten und die Arbeit der Weinbauern, sondern kommen auch gut ins Schwitzen. Jetzt im Juni sind die W. mit der Rebpflege beschäftigt, z.B. wird gegen diverse Pilzkrankheiten präventiv behandelt, werden überzählige Triebe ausgebrochen und die Reben entsprechend der Erziehungsform am Pfahl zur besseren Durchlüftung hochgesteckt.


Stichwort Pfahlerziehung
Der Begriff Erziehung bezeichnet im Weinbau das Ausrichten und Befestigen der Reben. Dies ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Weinstockes. Es werden je nach Anbaugebiet oder Sorte verschiedene Formen angewandt.

Bevor die Drahtrahmenerziehung ihren Siegeszug in den Anbaugebieten antrat, war die E. an Pfählen die gebräuchlichste Methode. Die Stützen bestehen hauptsächlich aus Robinien-, Eichen- oder Esskastanienholz. Deshalb sind derartige Bäume besonders häufig in Weinbaugebieten zu finden. Bei der Ganzbogen- oder Pfahlerziehung wird an einem ca. 60 cm langen Rebstock eine Fruchtrute bogenförmig am stützenden Pfahl befestigt.

Das sächsische Elbtal ist eines der letzten Anbaugebiete, in dem die Pfahlerziehung noch verbreitet angewendet wird. Besonders in sehr steilen Lagen, in denen eine maschinelle Bewirtschaftung nicht möglich ist, wird diese Variante, die auch das Quergehen zum Hang ermöglicht, geschätzt.

Nachteile: ein oft ungünstiges Blatt-Frucht-Verhältnis sowie der vergleichsweise hohe Arbeitsaufwand, welcher nur von Hand durchgeführt werden kann.

Pfahlerziehung.

Schönste Weinsicht Sachsens 2012.


in Bildmitte v.l.n.r. : Wein- und Sektmanufaktur, Schaureben, Schloß Wackerbarth und Belvedere.

Hier wächst die Scheurebe.

Kostproben

Am Jacobstein angekommen werden unsere Gaumen geprüft, sollen obendrein die Aromen der zwei verkosteten Weine benannt werden. Da wäre zum einen eine 2012er Scheurebe und zum anderen ein 2011er Radebeuler Steinrücken. Zwischen vergorenem Apfel und Pflaume schwanken die Angaben der Nachwuchs-Sommeliers, bis man sich auf Pfirsisch einigen kann.


Der Autor ist nach dem zweiten Glas sogleich am Aussichtspunkt anzutreffen, beschäftigt mit einem Elbtalpanorama über die Lagen "Steinrücken", "Goldener Wagen", Nieder- und Oberlößnitz hinweg. Selbstverständlich hat der Wein geschmeckt - doch nach dem Genuss ist vor dem Genuss.


Nächster Zwischenstopp wäre ohne offizielle Führung die Volkssternwarte Radebeul gewesen, doch diesen Termin heben wir uns für später auf - dann darf man auf Astrofotografie gespannt sein.



Elbtalpanorama über die Lagen "Steinrücken", "Goldener Wagen", Nieder- und Oberlößnitz hinweg.

Dresden und die Sächsische Schweiz am Horizont.



Die Sternwarte Radebeul.

59 Rebsorten werden in Sachsen angebaut, davon 16 auf Schloß Wackerbarth mit insgesamt 500.000 Flaschen Ertrag pro Jahr. Die hießigen weißen Hauptrebsorten lauten Grauburgunder, Kerner, Müller-Thurgau, Riesling, Scheurebe, Traminer und Weißburgunder. Der Goldriesling wird in Deutschland nur in Sachsen angebaut. Verstärkt nachgefragt werden von den Kunden seit ein paar Jahren außerdem rote Weine, weshalb das Weingut reagierte und mittlerweile auch gute Erlöse aus dem Spätburgunder erzielt.


Links die jungen, rechts die alten Rebstöcke.

Fakten zum sächsischen Weinbau aus 2013 (Stand: März 2014)
  • 462 ha Rebfläche
  • 59 Rebsorten (81 % weiße Rebsorten, 19 % rote)
  • 53 % der Weißweine und 50 % der Rotweine mit Prädikat
  • 2514 Winzer (davon 99 % Kleinwinzer = 2449)
  • Gesamtweinernte: 15.452 hl
  • Hektarertrag: 32 hl/ha
  • Mostgewicht: 89 °Oe

Stichwort Prädikatsweine

"Qualitätswein mit Prädikat" ist eine Weinkategorie des deutschen und österreichischen Weingesetzes für Qualitätsweine, die aus Trauben mit besonderen Anforderungen an das Mostgewicht gekeltert wurden. Die einzelnen Prädikatsstufen sind Kabinett (nur in Deutschland), Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese und Eiswein. Prädikatsweine dürfen weder als Most noch als Wein aufgebessert worden sein, die Ernte mit Vollerntern ist ab der Prädikatsstufe "Auslese" verboten.







Die nächste und zugleich (leider!) letzte Verkostung fand statt auf einem Privatweinberg, durch den kein offizieller Weg führt. Unsere Gruppe durfte von einem 2013er Rosé und einem Cuvée probieren.

Wer jetzt die Nase rümpft, dem sei gesagt: Einen Cuvée produziert der Winzer hauptsächlich aus zwei Gründen. Zum einen zur Qualitätssteigerung des Weines und zum anderen zum Beibehalt eines gleichbleibenden Geschmackes über verschiedene Jahrgänge (mit schwankenden Mostgewichten) hinweg.


2013er Rosé.
Ein Cuvée von Schloß Wackerbarth.


Dort wächst der Spätburgunder.


Terrassenweinbau mit Trockenmauern aus Syenit.

Belvedere und Jacobstein.



Fazit: Schloß Wackerbarth sollte man gesehen haben, man sollte durch die Weinberge gewandert sein und bei genügend Zeit einen Abstecher ins Karl-May-Museum nach Radebeul machen. Da nicht nur das Museum noch auf uns wartet, werden wir wiederkommen. Ganz bestimmt.
"Jeder Mensch will glücklich werden; das ist falsch. Jeder Mensch soll glücklich machen; das ist richtig."
(Karl May: Und Friede auf Erden!, S. 551)














Zur Geschichte des Weinbaus in Sachsen
Zahlen und Daten zum Weinbau in Sachsen aus 2013 (PDF)

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