Sonntag, 14. Februar 2016

Höhenmeterjagd am 13. Februar

C.: "Hier was machen wir denn nun, sonst lass ich mich weiter gehen. ;-)"
M.: "Na wir fahren morgen."
C.: "Top, letztes Bier."

Die Jungs hatten offensichtlich Spaß am Vorabend einer in weiten Teilen epischen Radtour und auch der Autor dieser Zeilen machte fünf Ausnahmen von seiner ansonsten strikten Alkoholabstinenz.
2 Uhr ins Bett, 8 Uhr aufstehen, 10.30 Uhr mit einem neuen Gesicht in der Runde bei feinstem Radwetter (für Februar) zu dritt ab in den Süden: Das nenn ich Samstag! Was können wir erreichen und warum sollten wir dieses oder jenes sinnvollerweise erreichen? Wo ist der Sinn? Wo ist der Zweck? Wo ist die Motivation?


Meine bisherigen Radprojekte fanden ihre Legitimation in der puren Selbstbestätigung und dem Wunsch, nicht alltägliche Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Ich habe für diese Sachen noch nie spezifisch trainiert, die Grundlagenausdauer hat bislang immer gereicht. Das ändert sich jedoch, wenn du mit Menschen in Kontakt trittst, die Talent haben UND trainieren. Die werden dich früher oder später stehen lassen. Keine Chance. Und? Wahrscheinlich sicher bin ich ein Wettkampftyp, ich gestehe es mir selbst bloß nicht ein. Jeder Radfahrer unterwegs stachelt mich zum Überholen an; an keinem Hügel soll man mich abhängen; jeder schnellere Läufer pusht die Pace; jeder bessere Kletterer fordert heraus; jeder bessere XC-Pilot wird argwöhnisch betrachtet. Warum also leugnen? Weil auch das Eingeständnis banal ist? Ich weiß es nicht. Meine früheren Artikel handeln stellenweise vom ominösen "Potenzial", das man ausschöpfen sollte, sie legen nahe, dass das glücklich macht. Ob das stimmt?

Zwischen Kammerforst und Zwickauer Mulde

Meine Mitfahrer sind Triathleten. C. wird demnächst ein Trainingslager auf Mallorca besuchen, M. rockt verdammt schnell Olympische und Mitteldistanzen. Und ich? Äh, "ich mag Radmarathons", lautet die Antwort – eine bessere Umschreibung fällt mir ad hoc für die Brevet-Foto-Touren nicht ein. Im Flachen immer über 30 km/h macht der Ausflug auf Thüringer Straßen bei Altenburg noch Freude. Ab dem Flughafen Leipzig-Altenburg gesellt sich ein schweigsamer Geselle aus dem Bornaer Braunkohlerevier zu uns, dessen Statur und Sitzposition einen mächtigen Motor erahnen lassen. Problemlos kurbelt er die Wellen zwischen den vielen Dörfern hinauf, unveränderlich sein Blick. Dennoch scheinen Fahrrad und Fahrer nicht zu harmonieren, aller drei Kilometer müssen nämlich die Hände aufgrund von Taubheit ausgeschüttelt werden. Uns stört das wenig, wir geniessen stattdessen die Sonne zwischen den winterlich brachen Feldern und die Aussicht auf eine kleine Pause nach ca. 60 km.

Blick auf Waldenburg...

...von der Langenchursdorfer Straße.

Das Waldenburger Schloss kann aktuell schön vom gegenüberliegenden Muldeufer in Augenschein genommen werden, ich mache mir aber weniger Sorgen um verpasste Motive als um drohende Höhenmeter. Was bringt der eigene Motor? Werde ich die Jungs ausbremsen? Vielleicht liegt es an der malerischen Landschaft, vielleicht am Päuschen, vielleicht am Müsliriegel; jedenfalls tragen mich die Beine solide durch die Hänge am Flußufer, wollen allenfalls bei so verboten schönen Aussichten wie in Wolkenburg kurz verschnaufen. Nix da. Auch die Mulderadroute bleibt heute rechts liegen (und reserviert für einen Ausflug mit K.!), denn wir wollen weiter nach Amerika. Der Ortsteil von Penig erhielt seinen Namen angeblich infolge des geflügelten Wortes jener Besucher einer dort im 19. Jh. ansässigen Baumwolldruckerei. Man musste die Mulde überqueren, wurde mit einem Kahn gewissermaßen "über den Teich" gezogen. Eher geschoben denn gezogen fühle ich mich auf dem Weg vom Flussufer nach Arnsdorf. 50 hm, kompakt verteilt auf 500 m Wegstrecke werden zum ersten Mal seit 2010 (?!) unter die Pneus genommen. Nicht ganz so flüssig - weil Zweiter - wie gewünscht, aber trotzdem viel besser als zu Beginn befürchtet. Ja, manche Sachen muss man einfach machen und nicht ewig im Vorfeld nach Pro/Kontra-Argumenten graben. Genauso verhält es sich mit dem Stopp am Göhrener Viadukt. Ich verbinde einige Erinnerungen mit diesem Ort: An schöne Kindheitstage; an Menschen, die heute nicht mehr leben; an schwerwiegende Zweifel; an Depressionen; an Erschöpfung; an typische Hinterwäldler.

Das Göhrener Viadukt.

Autschn

Gerade als ich die Truppe erfolglos von einem Umweg zu überzeugen versuchte, offenbart M., dass man diesen feinen Anstieg auch mit 30 km/h bewältigen kann. 2 km, 100 hm, 30 km/h? Definitiv ist das außerhalb meines Leistungsvermögens und ich frage vorsichtig zurück: "Heute?". "Später im Jahr" lautet die minimal beruhigende Antwort, während ich den beiden mit knapp 100 m Abstand hinterher japse. Dezente Revanche dann wenig später am Rochlitzer Berg und das gute Gefühl, noch nicht vollständig zum alten Eisen zu gehören. Wahrscheinlich sind es M.'s Kekse, die meinen Blutzuckerspiegel im gelben Bereich und den Kettenzug konstant hoch halten, die eigenen Futterreserven sind nämlich knappe 60 km vor dem Ziel aufgebraucht. Auch getrunken habe ich nur 0,7 l. Ein weiteres nicht ganz gesundes Beispiel aus der Rubrik "Grenzen testen". Immerhin reicht der Treibstoff bis zur Verabschiedung und C.'s nachklingendem Satz: "Manchmal sind Ziele ganz gut."

Am Friedrich-August-Turm auf dem Rochlitzer Berg.

Ausrollern am Cospudener See.

Die Strecke

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