Montag, 11. April 2016

Haftausweis 36

Dieser Samstag, der 9. April ist ein sonniger Tag, allerdings vermisse ich die Wärme des Frühlings hier im Leipziger Süden, 27 km vom Zentrum der größten Stadt Sachsens entfernt. Das große schwere Stahltor öffnet sich langsam nach rechts und wir betreten ein Gebäude, in dem die Selbstbestimmung ein jähes Ende findet. Hier drin haben andere das Sagen.

JSA Regis-Breitingen.
Die Personalien werden aufgenommen, man gibt sein bundesrepublikanisches Identifikationspapier ab, erhält dafür seinen Haftausweis. Meiner trägt die Nummer 36. Der Trakt zur Registrierung der Neuankömmlinge ist sauber und irgendwie steril. Das ganze Gebäude macht auf mich einen sehr kühlen, einen sehr unpersönlichen Eindruck. Wahrscheinlich soll das so sein. Du bist aus einem von vielen möglichen Gründen hier drin, doch die Architektur – innen wie außen – lässt keine Optionen zu. Sie ist streng auf Funktion ausgelegt, auf Vollzug eben.

Wir betreten die Einzelzelle, eine Justizvollzugsbeamtin lehnt neben dem kleinen Schreibtisch am Fenster. In den Fensterrahmen ist ein Metallgitter mit 3 cm starken Stäben eingelassen, auf dem Tisch liegt Rasierzeug, auf dem Bett die uniforme Anstaltskleidung: weiße Feinripp-Unterwäsche, blaue Baumwollhose, weißes Baumwollshirt. Mir wird erklärt, dass Elektrorasierer tabu sind, weil man sie zum Tätowieren missbrauchen kann. Tätowieren? Ein Schauer läuft über meinen Rücken und unter dem geistigen Auge manifestiert sich eine kleine schwarze Träne. Die Tür schließt sich.

Das Haus bietet 297 Haftplätze im geschlossenen Vollzug, 30 Haftplätze im offenen Vollzug, 20 Jugendarrestplätze im offenen Vollzug sowie 7 Plätze "Vollzug in freien Formen" (z.B. im Seehaus in Störmthal). Der überwiegende Teil der Insassen bleibt zwischen 6 und 12 Monaten, aktuell einer jedoch auch für 5 Jahre. Zwischen den vier Wohnblocks und dem Ausbildungs- Verwaltungstrakt befinden sich ein großer Sportplatz, begrünte Außenanlagen mit diversen Trimm-dich-Stationen nebst Sporthalle mit Holzbalkenkonstruktion. Fest im Jahreskalender verankert sind dort beispielsweise Fußball- und Volleyballturniere an Pfingsten mit Mannschaften der Region.

Neben körperlichem Training stehen die persönliche Ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung im Zentrum des Alltags der Inhaftierten. Acht beim Justizministerium angestellte Lehrer(innen!) unterrichten den Stoff des staatlichen Haupt- und Realschulkanons, die hier erworbenen Abschlüsse werden 1:1 anerkannt. Sehr gut ausgestattete Fachkabinette machen durchaus neidisch, denn in staatlichen Schulen findet man solchen Standard keinesfalls überall. Beamer, PC-Arbeitsplätze, Geografiekarten, Mikroskope, ein hochmodernes Chemiekabinett, eine fein sortierte Schulbibliothek nebst eigenem Theater überraschen mich. Gegessen wird zwischen den Unterrichtszeiten auf derselben Etage; mein Blick schweift erneut durch die Gitterstäbe über das Grün im Innenhof bis zu den Wohnblöcken.

Mindestens 100 Meter lang ist der Gang im Untergeschoß, von dem rechts und links zahlreiche Türen abzweigen. Hier können berufsqualifizierende Abschlüsse mit IHK-Anerkennung erworben werden. Die Ausbildung erfolgt in Modulform, das heißt, wieder in Freiheit kann auf erworbenem Wissen aufgebaut und in Partnerbetrieben weitergelernt werden. Das Spektrum ist groß: Fachkraft für Lagerhaltung & Logistik, Gärtner, Gebäudereiniger, Metallbauer, Schweißer, Tischler. Außerdem befinden sich hier Werkstätten zur Herstellung von handgeschöpftem Papier (jeder Mitarbeiter erhält z.B. individuelle Geburtstags- und Weihnachtskarten), zur Tonverarbeitung, zur Kerzenproduktion aus Bienenwachs, zum Nistkastenbau, zur Kfz-Reinigung. In der Tat kann man seinen Pkw nach Anmeldung hier im Haus von Insassen reinigen lassen – nein, Navi und Radio werden nicht "bereinigt". ;-)

Bienenwachskerze aus der JSA.
Die Häftlinge erhalten für ihre diversen Arbeiten einen symbolischen Stundenlohn von ca. 2 Euro, was einem maximalen Tagessatz von ca. 15 Euro entspricht.

Man erwirtschaftet die Einkünfte unter anderem durch Verkauf der Produkte im Onlineshop der sächsischen Justizvollzugsanstalten, dem "Gitterladen".

Nach guten zwei Stunden stehe ich erneut vor dem großen Metalltor, das sich diesmal nach links öffnen soll. Hoffentlich. Neben mir wartet ein älterer Herr, der einen schönen Starkasten (12 Euro) unter dem Arm trägt. Mit dem Aufhängen ist er zwar in diesem Jahr etwas spät dran, andererseits: Es gibt neue Chancen. Das haben wir auf jeden Fall gelernt.

PS: Im Herbst 2017 wird die Anstalt, eine der modernsten Deutschlands, 10 Jahre alt.

Seehaus Störmthal – Jugendstrafvollzug in freier Form

Gitterladen

Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen

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