Mittwoch, 27. Juli 2016

Und dann kam Roth

Anfang Juni, wir saßen abends auf der Couch, fragte sie mich plötzlich, ob ich in Roth starten will. In Roth? Ich? Bei der weltgrößten Langdistanz? Als Staffelradfahrer? Das nenne ich mal ein unmoralisches Angebot für jemanden, der meist solo ein wenig durch die Landschaft kullert. Aber sie hätte mich nicht gefragt, würde sie nicht dieses Leuchten in meinen Augen kennen, das immer dann aufflackert, wenn es um große Herausforderungen und nicht alltägliche Projekte geht.

Maximal 5 Stunden will ich fahren - kann ich das ohne spezielles Training?
Ich brauche ein Zeitfahrrad - wo krieg ich das jetzt schnell her?

Die zweite Frage klärte sich nur wenige Tage nach meiner Staffelzusage während der Streckenbefahrung zum 1. neuseenMAN an der Schladitzer Bucht. Dort lernte ich nämlich Ralf Dittmann vom RADHaus Leipzig kennen - einem Laden, der sich u.a. auf die Ausrüstung von Triathleten spezialisiert hat und einige Hawaii-Starter zu seinen Kunden zählt. Wie es der Zufall wollte, stand aktuell eine Zeitfahrmaschine von Fuji im Stall und suchte einen neuen Besitzer. Am 6. Juli war schließlich der große Tag: 19 Uhr betrat ich Ralfs Laden und gemeinsam passten wir das Baby auf meine Körpermaße an. Ab diesem Abend war ich - temporärer - Besitzer eines Vollcarbon-Zeitfahrrades.

Was die aktuelle Form so hergibt, testete ich jedoch bereits einige Tage vorher auf einer Strecke mit dem schönen Namen "Perfetto".

Von 10.10 Uhr bis 15.33 Uhr hügelte ich am 19. Juni mit meinem treuen Alltagsrenner durch Mittelsachsen, vorbei an Colditz, Rochlitz, Waldheim, Döbeln, Leisnig und Grimma. Am Ende wurden den Beinen 140 km / 1.400 hm gutgeschrieben, absolviert mit einem Nettoschnitt von 31 km/h. Also das könnte in Roth tatsächlich was werden - vielleicht ja sogar mit einer 4 vorn? Motivieren musste mich keiner, soviel stand fest. Ich haderte innerlich bloß aus einem Grund mit mir: Junge, warum holst du nicht systematisch das Maximum aus dir heraus?

Den nächsten längeren Test absolvierte ich am 10. Juli mit meinem Arbeitsgerät und was soll ich sagen: Bamm!!! Neuer Rekord auf der Hausstrecke nach Oschatz! 1:40 h pulverisierten die vormaligen 1:52 h regelrecht und die 36 km/h im Schnitt über 64 km taten echt nur streckenweise weh. Was für ein geiles Gefühl, so im Tiefflug zwischen den Feldern und Wäldern entlangzubügeln.

Auf der Straße nach Süden
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Challenge_Roth

Wir starten am Vormittag des 16. Juli um 10 Uhr gen Süden, im Kofferraum kuscheln ein Klapprad, ein Fuji, ein Zelt, eine Reisetasche und zwei Schlafsäcke miteinander.

Der erste Mitfahrer bis Hof ist sehr angenehm, der zweite von Bayreuth bis Roth sogar vom Triathlon begeistert. Die Kilometer verfliegen buchstäblich und schon taucht dieses Schild an der A 9 auf, das ich seit vielen Jahren kenne:

Du bist tatsächlich hier, Christian. Du wirst morgen starten. Yes! Wir suchen uns einen s c h e i n b a r ruhigen Zeltplatz in unmittelbarer Nähe des Schwimmstarts, um morgen früh ohne Anfahrt die Profis starten sehen zu können. Nach dem Bike-Check-in (bei dem nicht mal die Bremsen auf Funktionstüchtigkeit geprüft wurden) trollen wir uns nach Roth zum Briefing. Dort schlendern wir über die Messe im Stadtpark, gucken uns den Frodissimo-Souvenirstand ebenso an wie die zahlreichen kleinen Klamottenzelte. Während ich 17 Uhr mit Matthias im stickigen Festzelt verschwinde, geht Kati eine Runde im Stadtbad schwimmen. Tss, ich komme mir so faul vor. ;-) Eine etwas nervige Suche nach verfügbarem Abendessen belehrt mich, beim nächsten Mal doch bitte rechtzeitig einen Tisch beim Italiener unserer Wahl zu reservieren. Trotzdem sind wir gegen 21.30 Uhr zurück am Zelt, meine steigende Nervosität kann das Blättern in den Werbebroschüren nur bedingt kaschieren.

Yvonne van Vlerken checkt ihr Rad ein.

Das Fuji ist heiß.




Hier stehen Millionenwerte rum.


Triathlon-Expo in Roth.

Wer's braucht.



Screenshot vom Briefing. Ob manche so fahren?



Im Hintergrund: Das Stadion.

Frühstart

Ab 4 Uhr beschallen Motivationslieder der guten und weniger guten Sorte den Zeltplatz, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Das war also der Haken! Keine Ahnung, wieso die Typen sich keine Stöpsel in die Ohren schieben; wahrscheinlich hätten die zugeschlagenen Auto-/Wohnmobiltüren dann aber auch ihr Übriges getan. Unruhig wälzen wir uns hin und her, ich bin 6.05 Uhr durchaus froh, der Wiesengrube unter meinem oberen Rücken entfliehen zu können. Gefrühstückt wird nach dem Start der Profis, so unser Plan. Auf dem Weg zum Main-Donau-Kanal sehen wir schon die Menschenmassen, die sich mit ähnlichem Plan hier seit Stunden zusammengerottet zu haben scheinen. Ob da welche auf der Brücke gezeltet haben? Für ein Senkrechtbild auf Frodo und Angry Bird DR? Man weiß es nicht. Jedenfalls hören wir die Startkanone (abgefeuert von BM Heiko Maas) ohne gleichzeitigen Sichtkontakt zum Profifeld. Egal, die schwimmen jetzt eh erstmal von uns weg. Der Kaffee für 2 Euro schmeckt immerhin, während wir etwa 100 Meter hinter der Brücke in nordwestlicher Richtung am Kanal unseren Posten beziehen. Jan Frodeno krault eine Hammerzeit, ist bereits 38 Minuten nach Start nur noch 700 Meter vom Schwimmausstieg entfernt. Ich begebe mich zur Wechselzone und sehe ihn exakt 7.17 Uhr auf das maßgefertigte Rad steigen.


Jan Frodeno bei Kilometer 3,1.

Unser Frühstück am Auto verläuft noch ruhig, doch schon bald kriecht die Aufregung in meine Beine. Ich will Uli vor dem Schwimmstart noch sehen, ich will keine Sachen hier im Zelt vergessen, ich will, falsch, muss nochmal aufs Klo... Leider verpasse ich Uli dann doch, auch weil das Handynetz unter den vielen Nutzern hier kollabiert. Ab 9 Uhr sind wir im Bereich der Wechselzone, Uli macht einen sehr guten Job im Wasser und wir sitzen mit Blick auf den Schwimmausstieg auf einer Bank direkt am Beginn der Radstrecke. Ob das heute alles klappen wird? Ob ich mein Ziel erreichen kann? Ob meine Verpflegung unterwegs reicht? Ob eine Trinkflasche am Rad zu wenig ist? Ob die Schultern zu sehr in der Aeroposition schmerzen werden? Sie nimmt mich in die Arme und ich weiß: Heute wird nichts schiefgehen.

Ich klebe die Startnummerntatoos auf.

The race is on!

10.15 Uhr klicke ich ein und soll das für einige schweißtreibende Stunden bleiben. Die Radstrecke verläuft zuerst in Richtung Eckersmühlen, wo sich der spätere Abzweig zur zweiten Wechselzone in Roth befindet. Ich werde diese Zeitmessmatte folglich dreimal passieren. Der Abschnitt bis Greding ist größtenteils Highspeedzone, man kann mehrere Kilometer mit über 40 km/h fahren, da das Gelände ein leichtes Gefälle aufweist. Toll ist die Querung der A 9 kurz vor Greding, um dann am Osthang in den Ort einzufliegen. Hier wartet der Kalvarienberg, ein fieses Ding, das sich ca. 3 km von 430 m NN auf 530 m NN hinzieht. Die Zuschauer feuern einen frenetisch an und man ist gut am Überholen, trotzdem fällt es schwer, die 25 km/h auf dem Tacho zu akzeptieren. Augen für den Naturpark Altmühltal hat man als Athlet leider nicht wirklich. Ich klammere mich an die Auflieger und versuche immer über 30 km/h zu treten - ein Unterfangen, das besonders im leichten Gegenwind auf den Feldern zwischen Obermässing und Lay Hingabe erfordert. A 9-Querung, Hiltpoltstein, Solar. Solarer Berg? Das Highlight? Nun, voll ist das hier auf jeden Fall, die Zuschauer bilden ohne Abgrenzung einen Tunnel, durch den sich die Athleten nach oben bewegen. "Es ist, wie durch ein Kanonenrohr geschossen zu werden", meinte Uli im Vorfeld. Da mag er recht haben, ich kann meinen Schuß aber immer bloß bis zum nächsten Vordermann/Vorderfrau geniessen. Denn Überholen ist hier nicht.

Thema Verpflegung: Die Abstände der Versorgungspunkte sind so gewählt, dass man im Prinzip mit einer Wasserflasche und zwei Riegeln am Start sehr gut durchkommt. Ich habe meine Wasserflaschen einfach an diesen Punkten gewechselt - spezielle Abwurfzonen erleichtern den Helfern die Arbeit und minimieren das Sturzrisiko. Gegessen wurden wie gesagt auf der ersten Runde à 86 km nur vier Riegel, auf der zweiten dann nur Bananen, Gels und Gel-Chips (geiles Zeug!). 12.30 Uhr passiere ich unseren Campingplatz zum ersten Mal (85 km, 2:15 h, 38 km/h). Schon bei Haimpfarrich bemerke ich allerdings, dass diese Pace auf der zweiten Runde einbrechen wird. Ich werfe zwei Gels ein und kurble die nächsten Wellen u.a. hinter Laffenau im Wald schön ruhig. Glücklicherweise beginnt in Alfershausen wieder das moralisch so wichtige Highspeedstück in Richtung Greding, auf welchem man die verloren geglaubte Kampfeslust beim Überholen zahlreicher Athleten auffrischen kann.

Überhaupt bin ich auf der ersten Runde quasi nur in Straßenmitte gefahren, zuviele Schleicher waren unterwegs. Es mag ja schön sein, einen Ironman zu finishen und nicht bloß als simpler Staffelteilnehmer einen Hauch der Atmosphäre atmen zu dürfen, aber die Radperformance sowohl der "S"-auf-der-Wade-Träger als auch der Solostarter habe ich viel stärker eingeschätzt. Wenn ich erst gezielt auf sowas trainiere, wird das ein wahres Schlachtfest. Greding ist erreicht, Kalvarienberg die Zweite. Etwa auf der Hälfte motiviere ich einen britischen Agegrouper, dem Anschein nach AK 65. Die Teilnehmer quälen sich schon hier nach guten 120 km sichtlich in Richtung Röckenhofen und meine linke Wade vermeldet ein kurzes Krampfbedürfnis. "Nichts da, du hattest vorhin eine halbe Banane, lass uns den Rest jetzt bitte anständig abspulen." Die Selbstgespräche sind durchaus amüsant, können jedenfalls den zusammengebissenen Zähnen etwas Paroli bieten. F***, wann bin ich endlich im Ziel?! Vor Eysölden geht mir das Isogetränk aus, etwa 5 km fahre ich mit leerer Flasche, Gott sei Dank im Wissen um den Standort des nächsten Wasserlagers. Oben am Waldrand angekommen, versorgt mit frischem Iso (die haben das in zwei Geschmacksrichtungen - oder ich war zu sehr im Delirium), ruft mir ein Passant die neue Weltbestzeit zu: 7:35:39 h. Yo, der Typ fährt hier eine Stunde schneller als du und ist so alt wie du. Irgendwas ist in meinem Leben schiefgelaufen. ;-)

Jan Frodeno...

...12.47 Uhr auf der Laufstrecke.

Toller Support durch die vielen, vielen Helfer.

14.05 Uhr: Jan Frodeno läuft neue Weltbestzeit.

14.52 Uhr: Daniela Ryf.

Kopf hoch Christian, dafür kann Frodo keine Kids zum Abitur bringen. Ein schwacher Trost. So, hallo, noch jemand da?! Verdammt langsam bist du geworden und dank des gestern abgerissenen Tachokabels hast du auch keine Ahnung, wie gut/schlecht du in der Zeit liegst. Die Lösung: Vollgas bis zum Ziel. Zum letzten Mal durch Eckersmühlen fahre ich an diesem Tag um 15.10 Uhr mit einer echten Genugtuung. Nein, du musst nicht mehr nach links, du darfst auf der Hauptstraße bleiben und nach 4 km in Wechselzone 2 sein. Ein breites Grinsen zeigt sich jetzt, ich habe es tatsächlich geschafft, ich habe eine Ironman-Radstrecke im Wettkampftempo bewältigt und mich ein wenig selbst übertroffen. Die 5 h waren ein Wunsch, die gefahrenen 5:01:27 h sind Realität. Platz 45 von 600 Staffelradfahrern ist hierbei eher zweitrangig, wichtig sind die Zeiten, die ich potentiell fahren kann. Mit Training.

Mehrmals hatte ich unterwegs Tränen in den Augen, weil ich wusste, dass meine Freunde das Livetracking verfolgen, weil Kati mitfiebert, weil mir soviele die Daumen drücken, weil ich Teil eines starken Teams sein darf. Den dritten Teil des Teams umarme ich 15.17 Uhr und schicke ihn auf die Laufstrecke. Matthias, bring das Ding nach Hause!!!

Beutel in Wechselzone 2.

Glücklich!

Frisch geduscht radeln wir anschließend zu zweit zum Zeltplatz und packen unsere sieben Sachen. Ich suche einmal mehr nach der Stopptaste für die so schönen Minuten auf der Decke hier im Halbschatten. Ich finde sie nicht. Ich blicke in den Himmel, schließe dann die Augen und suche nach ihrer Hand. Ohne sie hätte ich das hier vielleicht nie gemacht. Wer weiß, wo ich ohne sie jetzt wäre. Sehr viel schlechter gestellt.

Es ist vollbracht

Gemeinsam mit Uli stehe ich ab 18.50 Uhr am Eingang zum Stadioneinlauf. Wir blicken in die Gesichter zahlreicher Ironman-Finisher, die die letzten Meter einer Wahnsinns-Herausforderung bewältigen. Wir klatschen ab, wir jubeln, wir feuern auf den letzten Metern an. Es tut gut, jetzt hier zu stehen und den Tag hoffentlich zu dritt zu beenden. Da kommt Matthias! Seine Hüfte hat ihn nicht abgehalten, hier die angekündigte Zeit unter heißen Bedingungen abzurufen. Chapeau!!! Wir laufen zu dritt die Ehrenrunde im Stadion - Gänsehaut pur - und erhalten unsere Finisher-Medaillen. Ganz genau, du bist erst ein Finisher, wenn deine Staffel im Ziel ist. Richtig so finde ich, denn es zählt allein die Teamleistung.

Team GOOD VIBRATIONS: 10:04:16 h

Vielen Dank, dass ich neue Freunde kennenlernen durfte, vielen Dank an Ralf für das Bike, vielen Dank an meine Kati, vielen Dank für dieses Event. Es hat in mir einen Stein ins Rollen gebracht.

PS: Verbesserungsvorschlag für die Orga
Ausschilderung in den Wechselzonen (Ein- Ausgänge, Standort der Duschen) und im Zielbereich

Challenge Roth

Im Stadion.

Team "GOOD VIBRATIONS".

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