Montag, 6. März 2017

Rüdiger Nehberg: Lagerfeuergeschichten

Damals, am 4. Mai 2010, gratulierte ich an dieser Stelle einem Menschen zum 75. Geburtstag, der mein Denken in gewisser Weise nachhaltig beeinflusst hat:

[...] "Ihnen ist es zu verdanken, dass ich im Alter von 13, 14 Jahren mir eine "Survival-Bauch-Tasche" ausstattete (darin so Sachen wie Angelköder, Streichhölzer, Bindfäden, Taschenmesser, Nähzeug, Kabelbinder, ein Poncho,...) und mich dann unter anderem im Fallenbau übte. Das Brennnessel-Boot aus einem Ihrer Bücher hab ich erfolgreich zu Wasser gelassen und auch die Trinkwasserfiltration wurde überlebt. Nur am Wildschweinfang mit bloßen Händen und am Fang von Enten mittels Balg arbeite ich noch.

Ihre Projekte, um auf die Bedrohung der Yanomami aufmerksam zu machen, haben mir imponiert und verdienen höchsten Respekt. Ebenso Ihr Mut, sich in unerforschtes Gebiet in Afrika zu wagen, muss erwähnt werden - leider haben Sie damals einen guten Freund verloren. Aufgeben kam für Sie aber nie in Frage, "es gibt immer einen Weg" mag da vielleicht als Lebensmotto aus meiner Fernsicht sehr zutreffend sein.

Lieber Rüdiger Nehberg, alles alles Gute für die nächsten Jahre, möge Ihnen die Gesundheit weiter hold sein (bitte nicht über das nachlassende Gehör klagen - es gibt schlimmeres) und mögen Ihnen noch viele tolle Projekte bevorstehen." [...]
Rechts: Rüdiger Nehberg.

Gestern, am 5. März 2017, besuchten wir den aktuellen Vortrag von Rüdiger Nehberg mit dem Titel "Lagerfeuergeschichten". Wer bereits seine Bücher gelesen und die Vita verfolgt hat, erfährt an diesem Abend keine neuen Geschichten - er hört sie aber so authentisch, mitreißend und spannend erzählt, wie das nur jemand rüberbringen kann, der für etwas wirklich brennt. Rüdiger brennt bis heute (der 82. steht bevor!) für seine Lebensthemen Abenteuer - Survival - Menschenrechte.

So beginnt dann auch Teil 1 des Abends mit einem Rückblick auf die Anfänge als Abenteurer und Menschenrechtsaktivist nach der Karriere als Bäckermeister in Hamburg (3 Geschäfte, 50 Angestellte). Gezeigt werden Film- und Fotosequenzen vom Beschwören einer Kobra im heimischen Garten, vom Python- und Wildschweinfang in freier Wildbahn, von der Kampfschwimmerausbildung in Eckernförde, von der Erstbefahrung des Blauen Nils (1970), von der monatelangen Inhaftierung in Ägypten, von der Durchquerung der Danakilwüste in Äthiopien (1977) mit Kamelen und vom 1.000 km-Marsch durch Deutschland (1981) von Nord nach Süd ohne Nahrung und Ausrüstung. In den 1980ern verlagerte sich der Schwerpunkt seiner stets reich bebilderten Aktionen zunehmend auf das Thema Menschenrechte, hier konkret den Kampf für die Yanomami im südlichen Venezuela/nordwestlichen Brasilien.

Nach mehreren Atlantiküberquerungen in abenteuerlichen Gefährten und dem Gewinn einer breiten internationalen Öffentlichkeit für die Belange dieser Ureinwohner (der Schutzstatus ihres Lebensraumes verbesserte sich Anfang der 1990er-Jahre deutlich) wandte sich Nehberg seinem wahrscheinlich größten Lebensprojekt zu: Dem Kampf gegen die Weibliche Genitalverstümmelung (FGM).

Teil 2 des Abends widmet sich eine Stunde lang ausschließlich dem Einsatz gegen dieses barbarische Verbrechen an der Gesundheit kleiner Mädchen. Vor 17 Jahren gründeten Rüdiger Nehberg und Annette Weber dafür die Menschenrechtsorganisation TARGET, deren Erfolge seitdem beachtlich sind:

  • 2002 - 2004 TARGET-Wüstenkonferenzen in Äthiopien, Djibouti, Mauretanien -> Ergebnis: Weibliche Genitalverstümmelung steht nicht explizit im Koran
  • 2005 "Karawane der Hoffnung" durch Mauretanien -> Verbreitung der Wüstenkonferenz-Beschlüsse von Oase zu Oase
  • 2006 Von TARGET organisierte Konferenz in Kairo -> 1. Fatwa der höchsten Islamgelehrten gegen FGM
  • 2008 DAS GOLDENE BUCH – der Beschluss von der Azhar-Gelehrten-Konferenz gegen FGM wird in ägyptischen Moscheen verteilt
  • 2012 Urwaldklinik für die Waiãpi-Indianer
  • 2015 Einweihung der Geburtshilfeklinik Danakilwüste/Äthiopien
Rüdiger und Annette.

In der Pause vor dem zweiten Teil schlendere ich zum Signiertisch und werde prompt von Annette angesprochen, ob sie ein Foto von mir und Rüdiger machen darf. Oh ja! Dankeschön!

Leider bleibt mir der dokumentarische Blick von der Empore auf die Zuschauerränge verwehrt, denn die Kongresshalle am Zoo erhielt strenge baurechtliche Auflagen. Nur Feuerwehrmänner und wenige Auserwählte (gestern Abend die Techniker) sind befugt, sich dort in 5 m Höhe aufzuhalten. Ich spüre mit jedem Jahr mehr, wie wichtig mir die fotografische Dokumentation/Reportage ist. Bei einem spannenden Angebot würde ich wohl - in den Ferien ;-) - sofort als Expeditionsfotograf an Bord, in den Flieger, auf den Hundeschlitten, das Fahrrad, das Motorrad, in den Hubschrauber, in die Wanderschuhe... steigen. Um danach ebenfalls Lagerfeuergeschichten mit Bildern zu erzählen.

Lieber Rüdiger, lieber Sir Vival, setze Deiner Energie weiterhin keine Grenzen.

Was für ein Leben!

Disclosure: Was für ein Händedruck!

Homepage Rüdiger Nehberg
Menschenrechtsorganisation TARGET
Kongresshalle am Zoo
Reisefibel

Impressionen vom Abend:











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